Wiebke Winter, Landesvorsitzende der Jungen Union Bremen, wurde im Sommer zur Zielscheibe eines massiven Shitstorms, nachdem sie sich in einem Online-Video gegen die Legalisierung von Cannabis ausgesprochen hatte. Im ihrem Blogbeitrag beschreibt sie, warum sie kurz davor war ihre Social-Media-Kanäle zu löschen und warum es wichtig ist, sich gegen Hater zu wehren.

 

Warum ich alle meine Social-Media-Kanäle löschen wollte

Ich liebe das Internet. Als jemand, der 1996 geboren wurde, zähle ich zu den Digital Natives. Ob SchülerVZ, Facebook, Instagram oder Snapchat – wie die meisten meiner Generation habe ich alles mitgemacht und verbringe jeden Tag mehr als eine Stunde in den sozialen Medien. Ich finde sie wahnsinnig praktisch – ich bekomme Nachrichten aus der ganzen Welt, schicke meinen Freunden witzige Katzenbilder oder führe Diskussionen in den Kommentaren. Ich poste Storys, wo ich gerade bin. Mir folgen auf Instagram mittlerweile über 2800 Leute, die wissen wollen, wie mein (politischer) Alltag aussieht.

Im Sommer habe ich überlegt, alle meine Kanäle zu löschen. Warum? Ich habe mich als junge Politikerin in einem YouTube-Video gegen die Legalisierung von Cannabis ausgesprochen. Ich habe danach viele hunderte Nachrichten bekommen – 20 Prozent waren konstruktiv, der Rest: destruktiv. Man kann mit guten Gründen für eine Legalisierung von Cannabis sein. Oder man hält das halt für keine kluge Idee – so wie ich. Ich finde es wichtig, dass es in Diskussion hitzig und emotional werden darf. Man kann sich gegenseitig aufs Korn nehmen – und dabei unglaublich viel Spaß haben. Leidenschaftliche Diskussionen sind großartig. Das Internet und die sozialen Medien sind großartig, weil sie Plattformen für einen niedrigschwelligen Meinungsaustausch bereitstellen. Sie fördern grundsätzlich den demokratischen Austausch, indem jeder seine Meinung in der Welt verbreiten kann.

Worte sind eben nicht nur Worte

Sie können jedoch auch genau das Gegenteil bewirken. Das Internet kann Menschen einschüchtern, sie kaputt machen. Facebook kann dazu führen, dass Menschen sich aus Angst vor den Reaktionen nicht mehr trauen, ihre Meinung zu äußern. Gegenwind muss jeder aushalten können – genauso wie andere demokratische Meinungen. Es gibt jedoch rote Linien. Die ist zum Beispiel überschritten, wenn jemand andere als „Drecksfotze“ bezeichnet, jemanden bittet, sich vor den nächsten Zug zu werfen oder seine Vergewaltigungsfantasien über einen offenlegt. Sie ist überschritten, wenn man eine Sprachnachricht verschickt, in der man verkündet, am liebsten die Gaskammern in Ausschwitz zu reaktivieren und einen dort töten zu wollen. Ich habe alle diese Nachrichten bekommen. Glücklicherweise sind mir nur wenige „Trolle“ aus dem Netz bisher persönlich begegnet. Leider hat die Vergangenheit jedoch gezeigt, dass aus Worten schnell physische Gewalt werden kann – wie im Fall Walter Lübcke.

Diese Nachrichten haben mich erschreckt. Ich selbst habe das große Glück, einen starken Rückhalt hinter mir zu wissen – ich hatte die Unterstützung meiner Familie, meiner Freunde, meiner Partei und nicht auch zuletzt der Polizei. Den Rückhalt zu suchen und offen über Hass zu sprechen möchte ich an dieser Stelle auch jedem empfehlen. Traut euch, in brenzligen Fällen auch die Polizei anzusprechen. Sprecht in jedem Fall mit einer Vertrauensperson. Hass im Netz ist psychische Gewalt, unter der gerade viele junge Menschen leiden müssen. Die Umfragen sind erschreckend: Die Mehrheit aller Jugendlichen hat schon einmal Hass im Netz erfahren müssen.

Wie wollen wir als Gesellschaft im Netz miteinander umgehen?

Es kann jedoch nicht unser Ziel sein, nur die Nachseelsorge zu betreiben. Wir müssen uns als Gesellschaft fragen, wie wir im Netz miteinander umgehen wollen. Wir müssen uns und allen anderen ins Gedächtnis rufen, dass auf der anderen Seite des Bildschirms ein Mensch aus Fleisch und Blut und Würde sitzt. Wie viele Menschen würden das, was sie im Netz mit einem Mausklick veröffentlichen, tatsächlich jemandem anderen ins Gesicht sagen? Und denkt die Person daran nach, dass sein Post anders als sein flüchtiges Wort für die Welt für immer lesbar bleibt?

Wir müssen zudem gemeinsam uns gegen Hass im Netz wehren. Es ist richtig und wichtig, Gesetze immer wieder zu aktualisieren und an unsere Lebenswirklichkeit im Netz anzupassen. Jeder einzelne von uns sollte jedoch im Sinne einer wehrhaften Demokratie, im Sinne unserer Meinungsfreiheit entschlossen gegen Hater auftreten – sei es, diese direkt damit zu konfrontieren oder sie bei den sozialen Medien zu melden. Jeder von uns kann seinen Teil leisten. Gemeinsam können wir so unsere Meinungsvielfalt und Meinungsfreiheit und damit unsere Demokratie stärken. Gemeinsam sind wir stark.

Wiebke Winter

Wiebke Winter

Wiebke Winter (23) ist Vorsitzende der Jungen Union Bremen und Mitglied im Bundesvorstand der Jungen Union Deutschlands. Die Juristin promoviert derzeit zu künstlicher Intelligenz im Gesundheitswesen. Sie ist zudem als Deputierte im Bereich Gesundheit der Bremischen Bürgerschaft engagiert.

Nachgehakt: 7 Fragen an Wiebke Winter

Mit welcher Persönlichkeit würden Sie gerne einmal debattieren und worüber?

Mit Mark Zuckerberg über Datensouveränität und die Datenwährung von Morgen.

Welche(r) TV-Moderatorin/ TV-Moderator überzeugt Sie in Debatten am meisten? Sandra Maischberger, Tilo Jung (Jung & Naiv), Michel Friedman oder Anne Will?

Ich gucke selten fern – ich höre lieber Podcasts. Da finde ich die Lage der Nation immer klasse – auch wenn mir Philip Banse und Ulf Buermeyer oft zu links sind.

Wie würden Sie Ihren Diskussionsstil beschreiben?

Bestimmt und leidenschaftlich.

Was machen Sie am liebsten nach einer anstrengenden Diskussion?

Einen Spaziergang, um nochmal alles zu reflektieren und dann den Kopf freizubekommen.

Ergänzen Sie bitte diesen Satz: " In Diskussionen kann ich überhaupt nicht leiden,.."

Wenn jemand andere nicht ausreden lässt – und auf der anderen Seite: Selbstdarsteller, die schwafeln.

Wer ist Ihr Vorbild im Debattieren?

Unser Bremer CDU-Fraktionsvorsitzender Thomas Röwekamp und Philipp Amthor – beide haben so einen herrlichen selbstironischen Humor dabei.

Wer hat Sie in einer Debatte besonders überrascht?

Immer wieder Angela Merkel. Sie hat ein unglaubliches Faktenwissen und durchblickt viele Sachlagen sehr intelligent. Sie lässt ihren Diskussionspartnern zudem immer ihr Ehrgefühl. Das beeindruckt mich.

Bilder: Wiebke Winter von privat, Beitragsbild von Vitabello auf Pixabay