Skandal-Rapper Bushido nutzt es genauso wie Grünen-Politiker Cem Özdemir, Publikumsliebling Helene Fischer oder Schauspieler Til Schweiger: Facebook. Wer sich in diesem sozialen Netzwerk bewegt, muss damit rechnen, Opfer emotionaler Ausbrüche und aggressiver Sprache zu werden. Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat in der Social Media Analyse „Ich und mein Facebook“ 20 Facebookprofile die Sprache und Sprachfärbung untersucht. Dr. Viola Neu, Leiterin des Teams Empirische Sozialforschung und stellvertretende Leiterin der Hauptabteilung Politik und Beratung der Stiftung, erklärt, was die Experten herausgefunden haben. 

Was hat Sie zur Durchführung der Studie veranlasst?

Dr. Viola Neu: Wir beschäftigen uns seit längerer Zeit mit dem Thema Wandel der Sprach- und Debattenkultur. Unter dem Stichwort “Verrohung der Sprache” wird in traditionellen Medien häufig Facebook herangezogen. Daher erschien es uns sinnvoll, verschiedene Facebookseiten zu analysieren, um herauszufinden, was dort kommunikativ passiert.  

Wie sind Sie bei der Auswahl der Facebookprofile vorgegangen?

Dr. Viola Neu: Die Auswahl ist nicht willkürlich erfolgt. Wir haben uns 20 sehr unterschiedliche Profile herausgesucht, auf denen viel Bewegung herrscht und die verschiedene Zielgruppen ansprechen. Darunter waren Politiker, Stars und Sternchen aus der TV- und Musikbranche, aber auch ganz klassische Fanseiten.

Wie unterscheiden sich die Facebookseiten voneinander hinsichtlich der Tonalität?

Dr. Viola Neu: Jede untersuchte Facebookseite ist anders und weist ganz individuelle Muster an Kommunikation auf. Es gibt Seiten, auf denen eine erhebliche Bandbreite von Schimpfwörtern und Beleidigungen bis hin zur Androhung von Gewalt stattfinden. Aber es gibt auch das komplette Gegenteil in Form von affirmativer Unterstützung.

Was hat Sie bei Auswertung der Daten überrascht?

Dr. Viola Neu: Bei der Auswertung der Daten konnten neun Prozent der Beiträge als inzivil oder verroht identifiziert werden. Aufgrund der medialen Berichterstattung über das vermeintliche Ausmaß verrohter Kommunikation bei Facebook hatten wir jedoch einen wesentlich höheren Anteil erwartet.

Welche Zielgruppe ist von verbalen Angriffen besonders betroffen?

Dr. Viola Neu: Der normale Jedermann, der auf Facebook oder Twitter unterwegs ist, wird relativ selten mit verrohter Sprache Kommunikation konfrontiert.  Es sind bestimmte Zielgruppen, die im Fadenkreuz stehen, das gilt insbesondere für Politiker oder Journalisten. Politische Diskussionen und Debattenbeiträge, die über Facebook geführt werden, sprechen nur eine Minderheit an. Die meisten nutzen Facebook für ihre privaten Interessen und Hobbies. Wenn man also nicht gerade polarisierenden Politikern folgt, ist die Wahrscheinlichkeit, etwas von den verbalen Attacken mitzubekommen, gering.

Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus. Gilt diese Redensart auch für die Betreiber von Facebookseiten?

Dr. Viola Neu: Auf jeden Fall! Der Seitenbetreiber bestimmt die Tonalität auf der Facebookseite. Die Art, wie er einen Post verfasst, wie er sich darstellt, die Sprache und die Sprachfärbung wirken direkt auf die Kommunikation der Nutzer. Deren Tonalität wird hochgradig davon bestimmt, was der Seitenbetreiber vorgibt, oder auch was in der analogen Welt passiert.  Ein gutes Beispiel dafür ist die Äußerung „Ab morgen kriegen sie in die Fresse“ von Andrea Nahles nach ihrer Wahl zur Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion. Mit dieser Bemerkung hat sie  auf ihrer Facebook-Seite, auf der es bis dahin recht ruhig verlief, viele negative Reaktionen hervorgerufen.

Was können Politiker aus der Studie lernen? Sollten sie gewisse Themen und Kraftausdrücke meiden, um aggressiven Kommentaren zu entgehen?

Dr. Viola Neu: Dafür gibt es keine allgemeine Formulierung. Cem Özdemir beispielsweise beschimpft weder seine Nutzer noch weist er sie auf seiner Facebookseite zurecht. Aber in seiner Person und durch die Themenauswahl erreicht er ein Publikum, das eine sehr dezidierte Meinung hat und diese dann auch deutlich sichtbar im Internet formuliert. Häufig hängt es von Eigenschaften ab, die Politiker gar nicht bestimmen können. Auf der Facebookseite von Cem Özdemir wird seine türkische Herkunft thematisiert. Wenn er sich beispielsweise kritisch zur Türkei äußert, erhält er beleidigende Kommentare, die sich auf seinen Migrationshintergrund beziehen. Das ist genauso, als wenn sich jemand auf das Geschlecht oder die Hautfarbe eines Menschen bezieht. An dieser Eigenschaft ist nicht zu rütteln und diese kann man auch nicht mit der besten Moderation wegbekommen, weil dieser Punkt offensichtlich Emotionen auslöst, die auf einer ganz tiefen Ebene stattfinden.

Würden Sie jedem Politiker raten, sich ein Facebook-Profil zuzulegen bzw. dies weiterzuführen?

Dr. Viola Neu: Bei den meisten Politikern, die über ein Facebook-Profil verfügen, sind die Reichweiten nicht besonders hoch. Meistens sind es gerade einmal ein paar Hundert Follower, die aus der eigenen, engeren  Community stammen. Für die Nutzer ist es schön zu sehen, was der Politiker tagsüber macht oder welche Position er zu bestimmten Themen einnimmt. Sonst passiert auf diesen Seiten relativ wenig.

Wann ist es für einen Politiker ratsam, sich von Profis unterstützen zu lassen?

Dr. Viola Neu: Sobald man nicht mehr Herr der Lage ist, braucht man Krisenkommunikation. Ob man selbst bereit ist, das auszuhalten ist eine Frage der Persönlichkeit. Wer Spaß an robusten Debatten hat, kann sie auch provozieren. Wer dies nicht mag, muss nach einer anderen Lösung suchen. Aber ich finde es auch ganz wichtig zu sagen, dass man keine Politikroboter haben möchte, nur um negative Kommunikation abzuwenden. Das bekommen die Nutzer sehr schnell heraus. Aus eigener innerer Überzeugung und mit Herzblut auf Facebook unterwegs zu sein, ist in jedem Fall hilfreich.

Der Social Media-Experte Axel Wallrabenstein hat kürzlich in einem Interview mit debatoo erklärt, dass man nicht jeden Kommentar der Nutzer auf die Goldwaage legen sollte. Was hat Ihre Analyse dazu ergeben?

Dr. Viola Neu: Auch das ist ganz unterschiedlich. Jemand wie Sahra Wagenknecht hat auf ihrer Seite eine ausgesprochen harmonische Diskussion mit sehr breiten inhaltlichen Beiträgen geführt. Die Kommunikation läuft verhältnismäßig gesittet ab, in die Kommentare mischt sich Sahra Wagenknecht nicht ein. Ganz anders dagegen reagiert Til Schweiger. Er nimmt es offensichtlich sehr sportlich und führt eine knallharte Kommunikation mit denjenigen, die ihn über Facebook Messenger persönlich anschreiben und einen verletzenden, aggressiven und verunglimpfenden Ton anstimmen. Seine Nutzer stellt er daher regelmäßig an den Pranger und beschimpft sie im Zweifel persönlich.

Gibt es auch Facebook-Profile, auf denen überwiegend ein netter und freundlicher Dialog stattfindet?

Dr. Viola Neu: In der Analyse haben wir ebenfalls die affirmative Sprache getestet. Mit einem Anteil von 15 Prozent wird diese deutlich häufiger verwendet als verrohte Sprache. Auf den Facebookseiten „Aus Liebe zur Katze“, Palina Rojinski, Horst Seehofer, Christian Lindner, Thomas Müller und Daniela Katzenberger findet sich so gut wie keine verrohte Sprache. Aufschlussreich ist auch die Verwendung von Emojis, da sich darin die Tendenz auf einer Seite sehr gut ablesen lässt. Helene Fischer ist quasi die Emoji-Königin. Sie erhält am häufigsten das Emoji mit herzförmigen Augen, das vor Glück und Liebe strahlt.

Viola Neu

Viola Neu

Dr. Viola Neu studierte Politische Wissenschaft, Öffentliches Recht und Neuere Deutsche Philologie in Mannheim. Seit 1992 ist die Politologin bei der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. in Berlin beschäftigt. Neben der Leitung des Teams Empirische Sozialforschung arbeitet sie dort als stellvertretende Leiterin der Hauptabteilung Politik und Beratung. In ihrer Freizeit engagiert sie sich für Haie.

Nachgehakt: 6 Fragen an Viola Neu

Mit welcher Persönlichkeit würden Sie gerne einmal debattieren und worüber?

Mit Deep Blue über das tiefe blaue Meer.

Wie würden Sie Ihren Diskussionsstil beschreiben?

“Bissfest”

Was machen Sie am liebsten nach einer anstrengenden Diskussion?

Videos von Deep Blue schauen. Sie ist vermutlich der größte Weiße Hai.

Ergänzen Sie bitte diesen Satz: " In Diskussionen kann ich überhaupt nicht leiden,.."

“ABER” sind Haie nicht gefährlich?

Wer ist Ihr Vorbild im Debattieren?

Prof. Dr.  Eugenie Clark, die 1922 geborene Pionierin der Haiforschung.

Wer hat Sie in einer Debatte besonders überrascht?

Als Dr. Erich Ritter erklärte, warum er Bullenhaie trotz eines unglücklichen Unfalls weiterhin so gerne studiert.

Photos: Bild von Dr. Viola Neu, Privat. Beitragsbild von Sincerely Media via unsplash.com.