Seit April 2017 ist Professor Dr. Winfried Speitkamp Präsident der Bauhaus-Universität Weimar. Als Leiter der Hochschule übt er neben vielen anderen Pflichten auch das Hausrecht aus. Damit hat der Historiker die verantwortungsvolle Aufgabe, für einen respektvollen Umgang von Lernenden und Lehrenden zu sorgen. Wie kritische Auseinandersetzungen gelingen und an welche drei Regeln sich Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiter und Studierende beim Debattieren halten sollten, erklärt der Historiker in einem Interview.

Wie würden Sie die Debattenkultur, die an der Hochschule herrscht, beschreiben?

Die Mitglieder der Universität diskutieren offen, kritisch, gern kontrovers, manchmal erregt, aber sind immer wieder bereit, miteinander zu sprechen, Argumente auszutauschen und eine gemeinsame Lösung zu suchen.

Dr. Matthias Jaroch, Pressesprecher des Deutschen Hochschulverbandes, hat kürzlich in einem Interview betont, dass jeder Wissenschaftler oder Gastredner an einer Universität die Möglichkeit haben sollte, seine Thesen und Ansichten zur Diskussion zu stellen. Teilen Sie diese Auffassung? Gibt es Grenzen?

Jeder Gast, der im Rahmen von Universitätsveranstaltungen eingeladen ist, darf bei uns reden. Grenzen werden nicht durch die Themen gesetzt, sondern durch die Grundordnung der Universität und durch die Gesetze. Die Universität ist ein Forum des friedlichen, offenen und vielfältigen Diskurses. Das heißt auch: Wer zu Hass und Gewalt aufruft, hat in unserer Universität nichts zu suchen.

Welche aktuellen Themen bewegt die über 4.000 Studierenden an der Bauhaus-Universität und werden zurzeit von ihnen kontrovers diskutiert?

Viele Themen! Die Gestaltung des Campus, Ausstattung und Qualität der Lehre, Klima und Nachhaltigkeit, Internationalität und Rassismus, Formen der Partizipation – die Universität ist eben Teil der Gesellschaft und die Studierenden befassen sich mit Themen, die auch die Gesellschaft beschäftigen.

Haben sich die Debattierfreude und das Engagement zur verbalen Auseinandersetzung der Studierenden im Laufe der letzten Jahre verändert?

Die Bereitschaft zum Engagement an unserer Universität macht sich nicht an Parteien oder hochschulpolitischen Gruppen fest, sondern an Themen, Projekten, Herausforderungen. Das hat viele Gründe, zum Beispiel auch, dass sich die aktuellen Herausforderungen so schnell ändern und dass die Studierenden auch konkrete Fortschritte erreichen wollen. 

Wie bewerten Sie den Dialog und die kritische Auseinandersetzung zwischen den Lehrenden und Lernenden an der Universität? 

Die Bauhaus-Universität Weimar lebt geradezu vom Dialog. Die Auseinandersetzung zwischen Lehrenden und Lernenden unterstützen wir, zum Beispiel durch einen Tag der Lehre, an dem über Verbesserungen und neue Lehrformen gesprochen wird, und durch Bauhaus-Module, bei denen auch Studierende sich an der Lehre beteiligen.

Gibt es “goldene” Regeln beim Debattieren, an die sich Studierende und Professoren sowie wissenschaftliche Mitarbeiter Ihrer Ansicht nach unbedingt halten sollten?

Goldene Regel: Es gibt auch legitime andere Meinungen. Silberne Regel: Man sollte zuhören, bevor man sich ein Urteil bildet. Bronzene Regel: Man sollte sachlich und präzise argumentieren.

Kontrovers geführte Auseinandersetzungen an Bildungseinrichtungen finden zunehmend über soziale Medien im Internet statt. Wie beurteilen Sie diese Form des Debattierens? Und wie schützen Sie Hochschulmitarbeiter und Studierende vor polemischen Übergriffen?

Debatten sollten offen, nicht anonym und möglichst auch analog, face-to-face, geführt werden. Bei Übergriffen besprechen wir jeden Einzelfall und überlegen eine angemessene Reaktion.

In Weimar herrschte große Unstimmigkeit, ob die AfD-Fraktion den Vorsitz im Kulturausschuss des Stadtparlaments übernimmt. Soll und kann eine Universität in politischen Fragen Stellung beziehen? 

Die Sache ist entschieden, die AfD hat nicht für den Vorsitz im Kulturausschuss kandidiert. Universitätsmitglieder nehmen selbstverständlich als Bürgerinnen und Bürger Stellung. Die Universität als Institution kann und muss dann Stellung nehmen, wenn die Freiheit von Wissenschaft und Kunst und die Werte der Universität, wie zum Beispiel Vielfalt, Interkulturalität, Toleranz, Friedlichkeit, bedroht sind. Wann das der Fall ist und wie wir reagieren sollten – darüber muss immer wieder neu diskutiert werden.

Über Prof. Speitkamp

Über Prof. Speitkamp

Prof. Dr. Winfried Speitkamp ist Präsident der Bauhaus-Universität Weimar und Universitätsprofessor für Kulturgeschichte der Moderne. Der fünffache Vater hatte zuletzt das Amt des Dekans und zuvor des Studiendekans im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Kassel inne. Seine Forschungsschwerpunkte sind breit gefächert und reichen von der Geschichte der Denkmalpflege, Denkmalschutz und Erinnerungskulturen bis hin zur Geschichte Afrikas und des Kolonialismus.

 

Nachgehakt: 7 private Fragen an Prof. Speitkamp

Mit welcher Persönlichkeit würden Sie gerne einmal debattieren und worüber?

Mit Angela Merkel über Persönlichkeit(en).

Wie würden Sie Ihren Diskussionsstil beschreiben?

Wenn es gut geht: sachlich und präzise argumentierend, zuhörend, andere Meinungen respektierend.

Was machen Sie am liebsten nach einer anstrengenden Diskussion?

Über die Diskussion diskutieren.

Ergänzen Sie bitte diesen Satz: " In Diskussionen kann ich überhaupt nicht leiden,.."

…wenn jemand sagt: „Also ich kann es überhaupt nicht leiden, wenn…“

Wer ist Ihr Vorbild im Debattieren?

Wer Vorbilder braucht, kann kein Vorbild sein. Besser ist es, von vielen zu lernen, auch von Menschen, die Fehler machen.

Wer hat Sie in einer Debatte besonders überrascht?

Immer wieder einzelne Studierende mit überraschenden Sichtweisen.

Welche(r) TV-Moderatorin/ TV-Moderator überzeugt Sie in Debatten am meisten? Sandra Maischberger, Tilo Jung (Jung & Naiv), Michel Friedman oder Anne Will?

Bitte lassen Sie die vier miteinander über die Gesprächskultur von Talkshows debattieren, dann entscheide ich mich. Ich bin gern bereit, die Debatte zu moderieren.

Photocredit: Bauhaus-Universität Weimar, Photo: Matthias Eckert, Beitragsbild von Mikael Kristenson