Sabine Lansing arbeitet seit über 15 Jahren als selbständige Knigge-Trainerin. Sie schult und entwickelt Führungskräfte und Mitarbeiter in zeitgemäßen Umgangsformen. Wir sprachen mit Ihr darüber, wie man sich in Debatten korrekt verhält und wie sich die Debattenkultur in Deutschland verbessern ließe.

Wie nehmen Sie die Debattenkultur in Deutschland wahr?

Sabine Lansing: Nach meiner Wahrnehmung wird weniger nach einem Konsens gesucht, sondern es geht um das Festhalten an der eigenen Position. Das Abweichen von der ursprünglichen Meinung gilt als Schwäche. Und eben nicht als die Fähigkeit Argumente und Sichtweisen abzuwägen, um seine Position zu entwickeln. Diskussionen drehen sich dabei im Kreis. In manchen Politikrunden reicht es oft die Vorstellungsrunde plus die erste Meinungsäußerung zu hören. Danach folgen selten Gespräche, die das Thema voranbringen. Manchmal wird den Mitdiskukanten, die nicht zur eigenen Meinung passen, sogar der Respekt verweigert – mit Worten, Gesten oder Mimik. Das alles hat Auswirkungen auf unsere Debattenkultur: Entweder „beharren“ oder „nicht festlegen“.

Selbst im privaten Umfeld werden aus unterschiedlichen Sichtweisen zu harmlosen Themen, emotionale Streitgespräche. Doch nicht jeder mag solche Auseinandersetzungen. So finden viele, oft gute, Argumente gar keinen Empfänger, da man sich in die Diskussion nicht einbringen möchte. Oder auch die „Angst“ sich positionieren zu müssen und somit Farbe zu bekennen, lassen sprachlos werden.

Jetzt kommt noch das Internet dazu. Ich nutze dieses Medium sehr gerne, doch hin und wieder würde es uns bei Gesprächen helfen, einfach mal Dr. Google außen vor zu halten. Wurde früher über ein Thema gesprochen, gab es eben unterschiedliche Auffassungen. Es wurden Erfahrungen, Meinungen und Wissen dazu genutzt, ein Thema „ganzheitlich“ zu betrachten. Heute wird das Smartphone zu Rate gezogen und jegliche Diskussion findet ein Ende.

Welche Regeln sind in Bezug auf Debatten besonders zu beachten? Auf was sollte man besonders achten?

Sabine Lansing: Darauf, dass die Meinung des anderen den gleichen Wert hat wie meine. Sie basiert vielleicht auf einer anderen Sichtweise, oder vielleicht auf eine fehlerhafte Information, aber grundsätzlich muss ich die Meinung des anderen erst einmal respektieren.Menschenzugewandtes Verhalten und respektvoller Umgang sollten in jeder Lebenslage die Grundlage des menschlichen Umganges sein. Dazu gehören für mich: Zuhören, Ausreden lassen, Mimik und Gestik darf nicht abwertend oder manipulativ sein, Ich-Botschaften, Auf den Punkt kommen, Gespräche weiterentwickeln und nicht gebetsmühlenartig auf ein Argument verweisen.

Kann man sich mit korrektem Verhalten in Diskussionen überhaupt noch durchsetzen? Gerade in politischen Diskussionen hat man ja manchmal den Eindruck, dass es vor allem darum geht, wer die lautesten Argumente hat.

Sabine Lansing: Es ist sicher leichter sich mit lautem Auftreten Gehör zu verschaffen. Doch das heißt nicht, dass Zuhörer diese Sichtweise dadurch als glaubwürdiger wahrnehmen. Je öfter ein Mensch ein Argument hört, desto eher wird es geglaubt. Das ist leider so. Glücklicherweise lassen sich Menschen nicht ganz so einfach manipulieren. Gesprächsteilnehmer, die ihre Argumente glaubhaft und verständlich darlegen, gewinnen dadurch oft tragfähige Unterstützung. Nicht laut gewinnt, sondern glaubwürdig, also nachvollziehbar.

Das ist auch eine Gefahr, denn extreme Positionen werden mit vermeintlich „Beweisen“, gerne auch „Totschlag-Argumenten“, präsentiert. Solche Argumente sind leicht verständlich und werden unreflektiert übernommen. An so einem Punkt, ist es schwierig weiter auf der Sachebene zu diskutieren. Hier kann eine Diskussion nur weitergehen, wenn man auf die Sachebene zurückfindet.

Gibt es positive Vorbilder in Bezug auf Diskussionsverhalten?

Sabine Lansing: Dunja Hayali, Carmen Thomas (Ü-Wagen), Ulrich Wickert, Gabriele Krone-Schmalz, und Roger Willemsen. Auch wegen seines Zitats „Ich möchte Menschen glücklicher zurücklassen als ich sie vorgefunden habe.“

Wie lernt man korrektes Verhalten in Debatten?

Sabine Lansing: Zuerst muss ich meine eigene Einstellung reflektieren: Bin ich selbst bereit meine Position innerhalb einer Debatte zu überprüfen, mich auf Argumente einzulassen? Sehe ich eine Veränderung meiner Meinung als Schwäche an oder als Entwicklung? Das ist – gepaart mit dem Wunsch mich mit Menschen auf respektvolle Weise auseinander zusetzen – eine gute Grundlage für gewinnbringende Debatten.

Wie geht man in Diskussionen mit anderen Teilnehmern um, die sich unkorrekt verhalten?

Sabine Lansing: Ein Beispiel: Jemand fällt einem ins Wort. Eine angemessene Reaktion wäre: Den anderen ausreden lassen, dann aber darauf hinweisen, dass man gerne selbst zu Ende gesprochen hätte. Dann wären einige Argumente oder Einwände wahrscheinlich schon erledigt. Also: Freundlich auf die Unsinnigkeit der Unterbrechung hinweisen, am besten mit einem Lächeln.

Wo sind Unterschiede in Diskussionen im Freundeskreis, in der Politik und in der Wirtschaft?

Sabine Lansing: In der Politik erscheinen mir die Debatten meist mit dem Wasserzeichen „Nach der Wahl ist vor der Wahl“ versehen zu sein. In der Wirtschaft würde ich zwischen Konzern und KMU unterscheiden: Innerhalb von Konzernen erlebte ich öfter eine geringere Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung. Ergebnislose Meetings, was bei den Teilnehmern zur Motivationslosigkeit führt. KMUs sind meiner Meinung da schneller, dort werden Querdenker eher gehört und Entscheidungen getroffen.

Im privaten Umfeld werden Diskussionen durch das gerade sehr populäre „Alles gut“ abgewürgt. Andere Positionen werden kaum noch akzeptiert oder angesprochen. Man braucht den anderen nicht, wenn er nicht so „tickt“ wie ich. Oder man umgeht Gespräche eben mit „Alles gut“. Gerade hier verlieren wir eine wichtige Diskussionskultur.

Gilt in der Online-Kommunikation, also z.B. in Foren oder in Chats, eine andere Etikette? Wo bestehen aus Ihrer Sicht Unterschiede?

Sabine Lansing: Beim ersten Eindruck werden 93% des Eindrucks durch nonverbale Signale gesetzt, auch bei Telefonkonferenzen/-debatten. Diese Möglichkeit fehlt in der Online-Kommunikation. Deswegen gilt es hier besonders beim Sender seine Wortwahl genau zu überlegen und beim Empfänger sich bewusst auf die Sachaussage zu konzentrieren. Damit nicht sofort die emotionale Ebene getriggert wird. Denn diese ist online kaum zu steuern, auch nicht mit Emojis. Emojis haben oft nicht für jeden die gleiche Bedeutung.

Was müsste passieren, damit sich die Debattenkultur in Deutschland positiv verändert?

Sabine Lansing: Wir müssen uns wieder auf Werte verständigen. Nehmen wir mal das altbackenklingende Wort Anstand. „Anständig sein“ umfasst so viel. Themen wie Klimaschutz, Tierwohl, Naturschutz, Menschenrechte, Arbeitsbedingungen haben alle etwas mit Anstand zu tun. Menschen, die geprägt sind von Egoismus und einer „Ich darf alles“-Mentalität übersehen, dass wir nur mit Hilfe von Respekt, Kommunikation und Anstand glücklich und erfüllt zusammenleben können.

Sabine Lansing

Sabine Lansing

Sabine Lansing arbeitet seit über 15 Jahren als selbständige Knigge-Trainerin. Sie schult und entwickelt Führungskräfte und Mitarbeiter in zeitgemäßen Umgangsformen.

 

 

Nachgehakt: 7 private Fragen an Sabine Lansing

Mit welcher Persönlichkeit würden Sie gerne einmal debattieren und worüber?

Mit Papst Franziskus über die Rolle der Frau in der heutigen Gesellschaft.Mit Präsident Trump über sein Verständnis von Anstand und respektvollem Umgang.

Wie würden Sie Ihren Diskussionsstil beschreiben?

Ich nehme in einer Diskussion gerne den Part der anderen Sichtweise ein, also kontrovers.

Was machen Sie am liebsten nach einer anstrengenden Diskussion?

Spazierengehen

Ergänzen Sie bitte diesen Satz: " In Diskussionen kann ich überhaupt nicht leiden,.."

Herabwürdigendes Verhalten und immer um den gleichen Pudding.

Wer ist Ihr Vorbild im Debattieren?

Dunja Hayali, eine starke Frau die für Meinungsvielfalt eintritt und gegen Hasssprache.

Wer hat Sie in einer Debatte besonders überrascht?

Eine Nonne während meiner Schulzeit in einer Klosterschule. Weltzugewandt und auf der Höhe der Zeit mit einer – für die damalige Zeit – modernen Sichtweise.

Sandra Maischberger, Tilo Jung (Jung & Naiv), Michel Friedman oder Anne Will?

Wenn ich aus den 4 angebotenen Moderatoren auswählen muss, Anne Will. Sonst Dunja Hayali, da sie dort hingeht, wo es weh tut und auch die Auseinandersetzung mit Bürgern nicht scheut.

Foto von Sabine Lansing: privat. Beitragsbild von Sue Kassar auf Pixabay