„Um es auf den Punkt zu bringen: Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen. Hier muss eine Vorschulpflicht greifen, notfalls muss seine Einschulung auch zurückgestellt werden.“

Um dieses Zitat dreht sich die Debatte, die in den deutschen Sozialen Medien mit den Hashtags #Linnemann und #Grundschulverbot begleitet wird. Es stammt aus dem Interview der Rheinischen Post mit Carsten Linnemann, Vizefraktionsvorsitzender der CDU-CSU-Bundestagsfraktion und Abgeordneter aus Paderborn.

Ein einfacher Tweet der dpa, mit der Überschrift „CDU-Politiker: Grundschulverbot für Kinder, die kein Deutsch können“, löste ein Shitstorm aus.

Die Debatte hatte begonnen. Darf man ein Grundschulverbot fordern? Ist Carsten Linnemann ein Xenophob? Und, alles über allem, war viel #NieMehrCDU zu finden. Mal wieder hatte ein CDU-Politiker ein Shitstorm losgelöst, wie so oft in den letzten Monaten. Sogar aus den eigenen Reihen kam Kritik.

Was hatte Linnemann eigentlich wirklich gesagt?

Erst Stunden später folgte eine Richtigstellung von Journalisten, bewaffnet mit Screenshots des vollständigen Interviews.

Auch die dpa veröffentlichte eine Entschuldigung und Richtigstellung. 

Und trotzdem kann man auf den sozialen Medien noch immer Tweets finden, die entweder die Richtigstellung noch nicht wahrgenommen haben, sie ignorieren, oder auch an dem kompletten Zitat etwas auszusetzten haben. Das letztere sei jedem frei überlassen; das Recht auf politische Meinung hat in diesem Land jeder. Aber Alle, die noch immer das verkürzte Zitat von Carsten Linnemann verbreiten und von einem Grundschulverbot reden, denen sei doch bitte ans Herz zu legen, dass auch Carsten Linnemann das Recht auf seine eigene politische Meinung hat.

Können wir aus diesem Shitstorm lernen? Ich würde sagen, ja.

Überspitzt formuliert: Nicht nur auf die Sekundärliteratur verlassen. Sucht nach der Quelle einer Aussage. Gerade in diesem Fall wäre es einfach gewesen die eigene Empörung auf Eis zu legen, und nach dem wahren Zitat zu suchen. 

Da kommen wir aber auch schon zum zweiten Problem dieses Falles. Die DPA ist die größte Nachrichtenagentur Deutschlands, von der man im Normalfall davon ausgehen kann, dass die Nachrichten vollständigen Wahrheitsgehalt haben. Das wollen wir ihr auch nicht grundsätzlich absprechen, aber dennoch muss betont werden, dass diese journalistische Zuspitzung nicht gerechtfertigt war. Dies deutet Froben Homburger, der Nachrichtenchef der dpa, selber in seinen Tweets an. “Wir haben mit dieser selbst gewählten Formulierung die Äußerungen über ein journalistisch zulässiges Maß hinaus zugespitzt,” sagt er in einem Tweet. Warum? Das ist eine Frage, die vielleicht wieder auf unsere Empörungskultur zurückzuführen ist. Und darauf, dass unsere Aufmerksamkeitsspanne immer kürzer wird. Es braucht starke Reize, damit wir eine Nachricht noch bewußt wahrnehmen. Eine rationale Diskussion um die Kriterien für eine Einschulung reicht da nicht mehr aus. Emotional muss es uns berühren.  

Heute zählen Likes und Clicks

Das sich in den letzten Jahren unsere Debattenkultur verändert hat, beobachten nicht nur wir bei Debatoo. In einem Interview mit Daniel Mack, fragten wir ihn, ob die Debattenkultur in Deutschland seiner Meinung nach heute anders sei als noch vor 10 Jahren. Dies war seine Antwort: 

Heute zählen Clicks und Likes. Entsprechend wird optimiert und vereinfacht. In sozialen Netzwerken können Sie beobachten: je einfacher man formuliert, je mehr man von diesen einfachen Inhalten produziert, desto erfolgreicher ist man. Algorithmen begünstigen das enorm. Dialog kommt so jedenfalls nur sehr schwer zustande. Nicht, wenn die Antwort oder Nachfrage nur als Steilvorlage für den nächsten Punch betrachtet wird. Vor 10 Jahren wurde in sozialen Netzwerken wiedergegeben, was in Rundfunk gesendet wurde und Zeitungen stand. Heute ist es oftmals umgekehrt.” 

Es stellt sich nicht die Frage, ob man das gut findet oder nicht. Sondern, wie man damit umgeht: Als Carsten Linnemann, als dpa oder jene andere, die in solchen Diskussionen mitmischen möchten. Man kann solche Mechanismen befeuern oder darauf hinarbeiten, dass sich unsere aufgeheizte Debattenkultur wieder beruhigt. Um Ole von Beust zu zitieren: “Man muss nicht über ‘jedes Stöckchen springen’, sondern sollte schon wissen, wer warum das Stöckchen hinhält und dann entscheiden. Und niemand muss der Erste sein. Lieber einmal eine Nacht darüber schlafen, bevor man lostwittert. Das Ansehen oder die Auflage wächst nicht automatisch mit der Aufmerksamkeit, es kann auch genau das Gegenteil passieren.”