„Wir brauchen geschützten Diskussionsraum“

Künstliche Intelligenz – Fluch oder Segen für die Demokratie? Unter diesem Motto diskutierten Henrik Tesch und Bijan Moini im Q-Club der Deutschen Bank. Hier eine Zusammenfassung.

Filterblasen, Bots, Fakenews, Echokammern: Heutzutage gibt es viele Gefahren für die Demokratie im Internet. Doch nicht nur künstlich erzeugte Meinungsmache, auch die Diskutanten selber agieren längst nicht mehr demokratisch.

Vielmehr werden Online-Diskussionen von einem hohen Grad an Unsachlichkeit beherrscht. Hemmschwellen scheinen im Netz nicht zu existieren. Politisch rechte und linke Ansichten fliegen in Heerscharen ungefiltert über die Datenautobahnen. Und die Mitte schweigt dazu. Ihre Stimme fehlt. Im Netz gerät die Demokratie immer mehr in Schieflage. Argumente wiederholen sich. Emotionen kochen hoch. Sachlich gestartete Denkanstöße verlieren sich nach den ersten Kommentaren in polemischen Aussagen und unsachlichen Meinungsäußerungen. Diese lassen jegliche Qualität vermissen und haben vielfach mit dem eigentlichen Thema nichts mehr zu tun. Die Unübersichtlichkeit vieler Plattformen sorgt dafür, dass Kommentare im Online-Nirwana nicht mehr nachvollzogen werden können.

Allein ein Bundesministerium startete ein Diskussionsforum zum Thema Arbeit der Zukunft, dessen Kommentare sich über 1.000 Seiten erstreckten. Wer soll dabei noch den Überblick behalten? Wie kann man sich bei solchen Voraussetzungen sachlich austauschen?

Noch negativer für den demokratischen Diskurs wirkt sich die Tatsache aus, dass rund 60 Prozent aller Online-Medien ihre Kommentarfunktionen abgeschaltet haben. Zu aufwendig in der Pflege und für Mitarbeiter nicht mehr zumutbare Inhalte sind nur einige der Argumente, die hierfür von Medien benannt werden.

“Wir brauchen geschützten Diskussionsraum”

Wo bleibt da überhaupt noch die Möglichkeit, einen demokratischen Diskurs führen zu können? Wer nimmt den Kampf gegen Trolle und Beleidigungen auf? „Wir brauchen geschützten Diskussionsraum“, fordert Henrik Tesch. Und genau hier kommt die Künstliche Intelligenz ins Spiel, erklärt der Politikwissenschaftler.

Schon heute gibt es smarte Systeme wie Debatoo, die mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) nur verifizierte Nutzer zulassen. Die KI erkennt gleiche oder zumindest ähnliche Argumente und führt diese automatisch zusammen. Auf diese Weise entsteht eine übersichtliche Darstellung der Argumente. Zusätzlich ermöglicht die intelligente Lösung, dass der Diskutant seine Meinung mit Studien oder Quellen untermauern kann. Die KI markiert Hass- und rechtswidrige Tweets sowie Beleidigungen. Statt jeden eingestellten Post zu prüfen, müssen die Redaktionen nur noch einen Bruchteil bewerten.

Fazit: Künstliche Intelligenz sorgt für einen geordneten Rahmen und einen geschützten Raum, in dem Diskussionen tatsächlich offen, sachlich und auf demokratische Weise geführt werden können.

Wie transparent sind wir jetzt schon?

Ein weiterer Aspekt, der während der Podiumsdiskussion debattiert wurde: Wie transparent sind wir jetzt schon? Weiß Facebook tatsächlich schon mehr über uns als unsere engsten Vertrauten? Geben wir durch Nutzung von Wearables, die Gesundheitsdaten sammeln und wahrscheinlich auch von den Technologie-Riesen ausgelesen werden, nicht zu viel von uns preis? Schafft der Staat mit der Langzeitarchivierung von Mobilitätsdaten seiner Bürger nicht unnötige Überwachung, von der man noch nicht einmal weiß, ob diese überhaupt zielführend sind?

Als Jurist macht sich Bijan Moini (er veröffentlichte den Roman „Der Würfel“) für mehr Schutzrechte stark. Doch am Ende des Abends sind sich alle Anwesenden einig: Die Technologie ist neutral, die Frage bleibt, was wir Menschen daraus machen.