Dass junge Menschen sich kritischen Fragen stellen, einander zuhören und sich fair und sachlich mit den Meinungen anderer auseinandersetzen können, beweist der bundesweite Wettbewerb „Jugend debattiert“. Die gleichnamige Initiative ermutigt Schülerinnen und Schüler ab Klasse 5 durch besonderes Debattentraining in der Schule ihre sprachliche und politische Bildung zu verbessern und erfolgreich im Alltag anzuwenden. Ansgar Kemmann, Leiter von „Jugend debattiert“, ist davon überzeugt, dass Streitgespräche zu guten Ergebnissen führen können, wenn man frühzeitig lernt, kontroverse Themen kompetent zu diskutieren.

Seit wann gibt es „Jugend debattiert“ und wie viele Jugendliche beteiligen sich regelmäßig daran?

Ansgar Kemmann: Der Bundeswettbewerb `Jugend debattiert‘ wurde vor 17 Jahren im November 2002 vom damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau ins Leben gerufen. Seither steht die Initiative unter der Schirmherrschaft des amtierenden Staatsoberhauptes. Allein in diesem Jahr haben rund 200.000 Schülerinnen und Schüler aus über 1300 weiterführenden Schulen an `Jugend debattiert‘ teilgenommen.

Was ist das Besondere an Jugend debattiert?

Ansgar Kemmann: Im Mittelpunkt steht ein bundesweiter Wettbewerb, der Jugendliche aller Schulformen der Klassenstufen 8 bis 10 und 11 bis 13 zum Debattieren einlädt. Der Wettbewerb findet zunächst auf Schul-, Regional- und Landesebene statt. Der Höhepunkt ist das große Bundesfinale, bei dem die besten Schul-Debattanten aus ganz Deutschland in Berlin aufeinandertreffen, um aktuelle politische und gesellschaftliche Fragestellungen zu diskutieren.

Welche Themen standen bei der diesjährigen Endausscheidung zur Debatte?

Ansgar Kemmann: Beim Bundeswettbewerb 2019 ging es im Finale der Jüngeren um die Frage, ob Medien mit hoher Reichweite kurz vor den Wahlen auf Wahlempfehlungen verzichten sollen. In der Altersgruppe II debattierten die Schülerinnen und Schüler darüber, ob unsere Museen Kulturgüter aus der Kolonialzeit an die Ursprungsländer zurückgeben sollten.

Wie verläuft eine Debatte im Wettbewerb?

Ansgar Kemmann: Bei den Debatten treten jeweils zwei Pro- und zwei Contra-Redner gegeneinander an. Damit eine faire Auseinandersetzung gelingt, gibt es feste Regeln. Jede Debatte dauert insgesamt 24 Minuten. In der Eröffnungsrunde hat jeder der vier Teilnehmer zwei Minuten Zeit, um seinen Standpunkt deutlich zu machen. In der freien Aussprache, die insgesamt 12 Minuten dauert, werden zusätzliche Argumente vorgebracht und miteinander abgeglichen. Vier Schlussworte von je einer Minute beenden die Debatte. Bei der Bewertung achtet die Jury auf die Sachkenntnis, das Ausdrucksvermögen, die Gesprächsfähigkeit und die Überzeugungskraft der Redner.

Das hört sich sehr anspruchsvoll an. Warum ist es wichtig, dass Jugendliche das Debattieren in der Schule lernen? 

Ansgar Kemmann: Eine Demokratie braucht Menschen, die den Mut haben, zu politischen und gesellschaftlichen Themen Stellung zu beziehen und den Austausch mit anderen zu suchen. Voraussetzung dafür ist, dass man bereit ist, sich auch mit den Auffassungen anderer fair und sachlich auseinanderzusetzen. Sich fundierte Kenntnisse zu verschaffen, präzise zu formulieren, Argumente prüfen und abzuwägen – all dies lässt sich fächerübergreifend im Unterricht erlernen.

Wie werden die Jugendlichen an die Kunst des Debattierens herangeführt?

Ansgar Kemmann: In professionellen Schulungen erhalten zunächst die Lehrkräfte das notwendige Wissen, lernen aber auch selbst, zu debattieren. Zusätzlich stellt ihnen `Jugend debattiert‘ spezielle Unterrichtsmaterialien zur Verfügung. Anhand praktischer Übungen werden die Schülerinnen und Schüler dann Schritt für Schritt an die Prinzipien einer Debatte herangeführt.

Welche Fähigkeiten und Stärken gewinnen die Schülerinnen und Schüler durch das Debattiertraining?

Ansgar Kemmann: Sie lernen, aufmerksam zuzuhören, die Fragestellung zu erfassen, Begriffe zu bestimmen, lösungsorientiert zu argumentieren, nachzufragen und sorgfältig abzuwägen. Sie lernen aber auch, Gegensätze auszuhalten und Geduld aufzubringen. Das hilft ihnen dabei, in Streitgesprächen zu guten Ergebnissen zu kommen. Auch schüchterne und schweigsamere Schülerinnen und Schüler werden durch das Training ermutigt, das Wort zu ergreifen und ihren Standpunkt zu vertreten.

In einer Debatte geht es oft hitzig zu. Knigge Trainerin Sabine Lansing hat dazu kürzlich in einem Interview mit debatoo erklärt, dass es bei einem “Wortduell” nicht darum geht, seine Argumente möglichst laut herüberzubringen, sondern glaubhaft. Was zeichnet Ihrer Meinung nach einen guten Debattierer aus?

Ansgar Kemmann: Fundierte Kenntnisse sind die Basis, um sich kompetent einer Streitfrage zu stellen. Gute Debattierer müssen darüber hinaus die Fähigkeit besitzen, sich respektvoll auf ihre Debattierpartner einzulassen. Ebenso unverzichtbar ist es, Argumente in einer klaren und verständlichen Sprache zum Ausdruck zu bringen und sie für die Hörer nachvollziehbar zu begründen. Dann gewinnt nicht der Lauteste, sondern derjenige, der andere durch Sachkenntnis, Ausdrucksvermögen und Gesprächsfähigkeit überzeugen kann.

Debattieren Mädchen und Jungen unterschiedlich?

Ansgar Kemmann: Für Mädchen mag die Teilhabe am Gespräch, für Jungen die Durchsetzung der eigenen Position etwas wichtiger sein. Das lässt sich aber schwer verallgemeinern. In den letzten beiden Jahren sicherten sich allerdings die Mädchen im großen Finale die jeweils ersten Plätze.

Trägt `Jugend debattiert‘ zu einem besseren Konfliktverhalten an den Schulen bei? Können Schüler dadurch Streitigkeiten untereinander friedvoller regeln?

Ansgar Kemmann: Auseinandersetzungen, wie sie beispielsweise auf dem Schulhof entstehen, haben meist persönlichen Charakter. In Debatten dagegen geht es um Fragen, die alle betreffen. Dennoch können die Schülerinnen und Schüler Vieles, was sie bei `Jugend debattiert‘ lernen, im Alltag anwenden, z.B. zuzuhören, einander ausreden lassen und sich in die Position des anderen zu versetzen. Auch die genaue Bestimmung des Streitgegenstands hilft sehr, Konflikte einzugrenzen.

In sozialen Netzwerken wird oft auf sehr emotionaler Ebene diskutiert. Was ist die Gefahr dabei? 

Ansgar Kemmann: Im Internet gibt es die Möglichkeit, sich verbal anzugreifen, ohne dass man einander sieht. Was man mit Worten anrichten kann, ist vielen überhaupt nicht bewusst. Deshalb ist es so wichtig, die Auseinandersetzung von Angesicht zu Angesicht zu lernen und mit ihr einen Maßstab zu gewinnen, an dem man sich auch in sozialen Netzwerken orientieren kann.

Ansgar Kemmann

Ansgar Kemmann

Ansgar Kemmann ist Leiter Jugend debattiert bei der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung.  Bereits 1991 gründete er an der Universität Tübingen den ersten Debattierclub an einer deutschen Hochschule. 1999 konzipierte er das Format Jugend debattiert.

Nachgehakt: 7 Fragen an Ansgar Kemmann

Mit welcher Persönlichkeit würden Sie gerne einmal debattieren und worüber?

Mit Barack Obama über die Frage, inwiefern es legitim ist, Staatsfeinde durch Kommandoaktionen oder Drohnenangriffe töten zu lassen.

Wie würden Sie Ihren Diskussionsstil beschreiben?

Zugewandt, respektvoll, sachbezogen, rational.

Was machen Sie am liebsten nach einer anstrengenden Diskussion?

Um eventuelle Frustpotenziale loszuwerden, treibe ich Sport.

Ergänzen Sie bitte diesen Satz: " In Diskussionen kann ich überhaupt nicht leiden,.."

 …wenn ich mir selbst im Wege stehe oder an mir selbst Verhaltensweisen bemerke, die einer guten Diskussion oder Debatte abträglich sind.

Wer ist Ihr Vorbild im Debattieren?

Jeder, dem es gelingt, seinen Zuhörern und sich selbst, der Sache und der Situation, in der er spricht, seinerseits zu entsprechen.

Wer hat Sie in einer Debatte besonders überrascht?

In jedem Jahr auf‘s Neue Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei Jugend debattiert, vor allem die Jüngsten.

Welche(r) TV-Moderatorin/ TV-Moderator überzeugt Dich in Debatten am meisten? Sandra Maischberger, Tilo Jung (Jung & Naiv), Michel Friedman oder Anne Will?

Das kann ich so nicht sagen. Die Gespräche in ihren Sendungen sind selten Debatten, und wenn, besteht ihre Aufgabe ja darin, das Gespräch zu moderieren, nicht selbst zu debattieren.

Photo: Ansgar Kemmann Privat, Beitragsbild: Headway via unsplash.com.