Gastbeitrag von Jan-Hinrik Schmidt

Angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen werden auch Zweifel laut, was und ob unsere Gesellschaft überhaupt noch zusammenhält. Die folgenden Überlegungen beleuchten die Rolle von Medien, insbesondere der sozialen Medien für diese Frage.

Auch wenn uns die Frage nach Bedingungen und Gefährdungen gesellschaftlichen Zusammenhalts gerade besonders drängend erscheint: Sie ist nicht neu und lässt sich (mindestens) bis zur Etablierung der Soziologie als wissenschaftliche Disziplin zurückführen. Bereits seit dem späten 19. Jahrhundert haben Gesellschaftsdiagnosen immer auch das Wechselspiel von Integration und Desintegration, von Zusammenhalt und Zerfall thematisiert. Auslöser damals waren Entwicklungen wie der rasante wirtschaftliche Wandel aufgrund der Industrialisierung oder die Verstädterung mit all ihren positiven wie negativen Folgen für die Menschen. Mittlerweile haben wir andere Bedingungen: Eine umfassende Globalisierung, die die immensen Unterschiede im Reichtum und die kulturelle Vielfalt zwischen Weltregionen, aber auch innerhalb einzelner Staaten sichtbar macht. Im Politischen beobachten wir eine tiefgreifende Krise der Sozialdemokratie, die als politisches Projekt seit jeher für Solidarität und den gesellschaftlichen Ausgleich über Klassengrenzen hinweg kämpfte; gleichzeitig erstarken rechtspopulistische Bewegungen, die ökonomische Konflikte mit Fragen der kulturellen Identität verrühren und in so simple wie spaltende Dichotomien von „Wir“ und „Die anderen“ übersetzen. Und als wären das nicht schon genug Herausforderungen, sieht sich die gesamte Menschheit der existenziellen Bedrohung eines Klimawandels gegenüber, der selbst im günstigen Falle nur mit drastischen Veränderungen unserer Lebensweise bewältigt werden kann.

Medien und ihre Modi des Zusammenhalt(en)s

Diese Herausforderungen wiederum sind nicht zu trennen von der Weltgesellschaft als „Mediengesellschaft“ – ohne Medien können wir die Welt außerhalb unseres alltäglichen lokalen Nahraums nicht wahrnehmen, ohne Medien können wir uns nicht über die Ziele und Wege gesellschaftlichen Wandels verständigen. Welche Rolle aber spielen Medien für Zusammenhalt oder auch sein Gegenteil? Die Antwort der Kommunikationswissenschaft ist einfach: Medien beeinflussen Zusammenhalt, weil und indem sie Öffentlichkeit herstellen, also eine kollektiv wahrnehmbare Sphäre des Austauschs von Informationen und der wechselseitigen Bezugnahme. Eine funktionierende Medienöffentlichkeit wiederum schafft Räume des Zusammenhalt(en)s, die auf zwei verschiedenen Modi beruhen.

Erstens stellt Medienöffentlichkeit geteilte Weltsichten her. Man mag hier zuerst an den Nachrichtenjournalismus denken, über den wir erfahren, welche Themen von kollektiver Relevanz gerade auf der „gesellschaftlichen Tagesordnung“ stehen, welche Fakten bestimmten Entwicklungen zugrundeliegen, und welche Vorstellungen verschiedene gesellschaftliche Gruppen zu anstehenden Entscheidungen und Fragen haben. Doch die Leistung der Medien geht darüber hinaus – fiktionale Inhalte oder kulturelle Angebote wirken ebenfalls gesellschaftlich integrierend und synchronisierend, indem sie geteilte Werte, Normen und Rollenvorbilder kommunizieren und das kollektive Erinnern ermöglichen.

Zugleich vermitteln Medien uns aber auch einen Eindruck von der großen Vielfalt an Interessen, Zielen und handlungsleitenden Werten, die in ausdifferenzierten Gesellschaften existiert. Und diese Vielfalt kann Reibungen erzeugen, sodass zweitens ein weiterer Modus des Zusammenhaltens gefragt ist: Gesellschaft hält zusammen, wenn sie Konflikte zähmt, also geregelt und produktiv austrägt, statt der reinen Macht der Stärkeren zu überlassen und keine Interessensausgleiche vorzusehen. Auch in dieser Hinsicht spielen Medien eine wichtige Rolle: Medienöffentlichkeit ist eben nicht nur „Synchronisator“, sondern auch Arena des Wettstreits um Unterstützung für kollektive Ziele und bindende Entscheidungen über die Wege ihrer Erreichung. Ein Ideal, an dem sich dieser Modus und die Leistung von Medienöffentlichkeit messen lassen kann, ist der herrschaftsfreie Diskurs, den Jürgen Habermas beschrieb: Es darf keine Zugangsbeschränkungen geben, der Austausch muss verständigungsorientiert sein und der Kraft des durch faktengestützten besseren Arguments folgen, statt sich von verdeckten strategischen Interessen leiten zu lassen.

Die Logik sozialer Medien

Mehrere Jahrzehnte lang waren beide Modi eng an die publizistische Öffentlichkeit der Massenmedien, also der Print- und Rundfunkmedien gebunden. Doch mittlerweile haben digitale Technologien wesentliche Elemente des massenmedialen Paradigmas verändert. Insbesondere die sozialen Medien, also Netzwerk- und Videoplattformen, Weblogs und Microbloggingdienste, Messaging-Apps und Wikis senken deutlich die Hürden für das Erstellen, Verbreiten und Bearbeiten von Informationen aller Art. Zudem obliegt die Auswahl von Informationen und ihre Bündelung nicht mehr allein der Institution des professionell-redaktionell betriebenen Journalismus. Zum einen übernehmen die Nutzer selbst entsprechende Leistungen durch ihre individuellen Entscheidungen, bestimmten Quellen zu folgen oder Informationen an ihr eigenes Kontaktnetzwerk zu empfehlen. Zum anderen liegen den meisten sozialen Medien algorithmische Filter- und Empfehlungssysteme zugrunde, die auf Grundlage umfassender Datenbestände versprechen, ständig aktualisierte und persönlich relevante Informationspakete zu schnüren.

Die sozialen Medien verdrängen die publizistischen Massenmedien nicht, verändern aber das Umfeld, in dem diese operieren. Medienöffentlichkeit wandelt sich zu einer „integrierten Netzwerköffentlichkeit“, mit Konsequenzen für die oben skizzierten Modi des gesellschaftlichen Zusammenhalt(en)s. In Hinblick auf den Zusammenhalt durch geteilte Weltsichten ist zunächst zu konstatieren, dass die gesunkenen Hürden für das (Mit)Teilen von Informationen aller Art auch die Menge und Vielfalt potentiell verfügbarer Informationen erhöht. Das wiederum macht es unwahrscheinlich, dass sich in den sozialen Medien ähnlich durchgreifend gesamtgesellschaftlich Themen setzen und Agenden synchronisieren lassen, wie wir es von den Massenmedien kennen. Deutlich größer sind aber die Chancen für themen-, interessen- oder lebensführungsspezifische Subgruppen, sich im Netz zu finden und auszutauschen.

Solange sich solche Gemeinschaften die Offenheit für Informationen und Ansichten jenseits des eigenen partikularen Interesses bewahren, und solange es daneben publizistische Medien gibt, die Informationen nach breiter gesellschaftlicher Relevanz auswählen und möglichst objektiv aufbereiten, wäre der gesellschaftliche Zusammenhalt nicht bedroht, sondern wohl eher gestärkt. Problematisch hingegen wird es, wenn sich größere Anteile der Bevölkerung nur noch auf das teils individuell, teils algorithmisch zusammengestellte personalisierte Informationsbouquet verlassen, das sie in den sozialen Medien vorfinden können – sei es, weil sie keinerlei Interesse an gesellschaftlich relevanten Themen haben, sei es weil sie journalistischen Medienangeboten nicht vertrauen und sich stattdessen vorrangig aus „Alternativmedien“ unterschiedlicher Coleur informieren.

Streiten statt Zusammenhalt(en)?

Von dort wiederum ist der Schritt nicht weit in die Echokammern von extremen politischen Ideologen, von Leugnern des menschengemachten Klimawandels, von Anhängern obskurer Verschwörungstheorien und anderer wissenschaftsfeindlicher Esoterik. Sie alle finden in den sozialen Medien ihre Nischen, in denen andere Ansichten und Argumente in aller Regel keinen Platz haben. Stattdessen bestärken sich dort Gleichgesinnte fortwährend in ihrer eigenen Meinung oder radikalisieren sich gar, was wiederum in Form von „hate speech“, also verunglimpfender, verhetzender, sexistischer oder rassistischer Äußerungen in andere Bereiche überschwappt.

Diese Beispiele illustrieren somit auch, inwieweit soziale Medien den zweiten Modus des gesellschaftlichen Zusammenhalt(en)s, den zivilisiert ausgetragenen Konflikt, unterminieren können. Die Medienlogik der meisten Plattformen belohnt das Kurze, das Zugespitzte und das Polarisierende mit Likes, Retweets und algorithmisch generierten Empfehlungen. Das verhindert nicht zwingend den verständigungsorientierten Austausch von Argumenten, denn gute Debatten leben ja ebenfalls von pointierten Beiträgen, die den eigenen Standpunkt deutlich markieren. Doch zur Verständigung gehört auch das Nachfragen, das Abwägen, das aufeinander Zugehen – alles kommunikative Akte, die unter Bedingungen schriftliche Mündlichkeit schwer umzusetzen scheinen.

Aus diesen Überlegungen lassen sich medienpolitische Forderungen ableiten: Die Einhegung, oder nüchterner: die Regulierung sozialer Medien ist auch deshalb wichtig, um gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht zu gefährden. So gilt es, die Betreiber sozialer Medien stärker in die Pflicht zu nehmen, die (delikate) Abwägung zwischen freier Meinungsäußerung und grenzüberschreitender Hassrede transparent und nachvollziehbar vorzunehmen. Zudem dürfen softwaretechnische Systeme nicht allein daraufhin optimiert sein, möglichst personalisierte Empfehlungen zu geben. Abgesehen vom oben angesprochenen Risiko, Menschen gewollt oder ungewollt in abgeschottete Informationsblasen zu führen, setzen Personalisierungssysteme auch ein möglichst umfassendes Verdaten aller Aktivitäten voraus. Dies wiederum erhöht die Gefahr, dass diese Datenprofile in Zukunft auch zu anderen Zwecken, etwa politisch motivierter Überwachung und Kontrolle genutzt werden.

Mitspracherechte wären daher gefordert, doch wir Nutzerinnen und Nutzer sind bislang im Wesentlichen auf die Rolle der Konsumenten von Facebook, Google und Co. reduziert. Und selbst eines der wenigen Druckmittel, das uns in dieser Rolle noch bliebe, nämlich das Ausweichen auf alternative Anbieter, ist für viele keine wirkliche Option – denn zu den meisten großen Plattformen gibt es schlicht keine halbwegs vergleichbare Alternative mehr. Im Kern werfen die sozialen Medien daher ein „Partizipationsparadox“ auf: Einerseits ermöglichen sie die Teilhabe vieler Menschen an öffentlicher Meinungsbildung und Debatte, auch indem sie Themen und Argumente sichtbar machen, die möglicherweise in den journalistischen Medien kein Gehör finden. Andererseits entziehen sich als (Medien-)Konzerne selbst der gesellschaftlichen Gestaltung und Kontrolle. Es ist eine der drängendsten (medien-)politischen Herausforderungen unserer Zeit, dieses Paradox aufzulösen und dafür zu sorgen, dass Öffentlichkeit auch in den digitalen Medien demokratisch gestaltet werden kann – denn nur dann tragen sie tatsächlich auch um gesellschaftlichen Zusammenhalt bei.

 

Hinweis: Dieser Beitrag ist die in Teilen erweiterte Fassung eines Textes, der in der Ausgabe 11/2019 von „Politik & Kultur“, der Zeitschrift des Deutschen Kulturrates, erschienen ist.

Jan-Hinrik Schmidt

Jan-Hinrik Schmidt

Jan-Hinrik Schmidt hat Soziologie in Bamberg und Morgantown (USA) studiert. Seit 2007 arbeitet er am Leibniz-Institut für Medienforschung|Hans-Bredow-Institut in Hamburg. Sein Forschungsschwerpunkt sind die Nutzung und gesellschaftlichen Folgen digitaler Medien, insbesondere der sozialen Medien. Er bloggt seit 2004 selbst unter www.schmidtmitdete.de.

Nachgehakt: 7 Fragen an Jan-Hinrik Schmidt

Mit welcher Persönlichkeit würden Sie gerne einmal debattieren und worüber?

Mit Jürgen Habermas über sein Ideal vom herrschaftsfreien Diskurs.

Wie würden Sie Ihren Diskussionsstil beschreiben?

Abwartend.

Was machen Sie am liebsten nach einer anstrengenden Diskussion?

Durchatmen.

Ergänzen Sie bitte diesen Satz: " In Diskussionen kann ich überhaupt nicht leiden,.."

…wenn man andere nicht ausreden lässt.

Wer ist Ihr Vorbild im Debattieren?

Ich habe in dieser Hinsicht keine besonderen Vorbilder.

Wer hat Sie in einer Debatte besonders überrascht?

Wenn man sich von vornherein ein festes Bild über einen Menschen gemacht hat und dieser dann in einer Diskussion ganz anders reagiert und eine völlig andere Sicht der Dinge äußert, als erwartet.

Welche(r) TV-Moderatorin/ TV-Moderator überzeugt Dich in Debatten am meisten? Sandra Maischberger, Tilo Jung (Jung & Naiv), Michel Friedman oder Anne Will?

Niemand davon; ich finde diese Formate ermüdend.

Photos: Bild von Jan-Hinrik Schmidt: Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut.