Unter dem Motto Fridays for Future fordern junge Menschen seit Monaten weltweit mehr Anstrengungen für den Klimaschutz. Anlässlich des Weltklimagipfels am 20.9.2019 in New York riefen die Organisatoren Schülerinnen und Schüler rund um den Globus zu Demonstrationen auf. Allein in Hamburg nahmen lt. Aussagen der Veranstalter über 70.000 Menschen teil.  Wie reagieren die Schulen auf das Engagement der Jugendlichen? Wir haben mit Hendrik Löns gesprochen. Der zweifache Vater ist Schulleiter des Gymnasiums Ohlstedt in Hamburg.

Werden sich Ihre Schülerinnen und Schüler am 20. September an der weltweiten Fridays For Future-Protestaktion beteiligen?

Hendrik Löns: Ich kann nicht genau sagen, wie viele Schülerinnen und Schüler sich beteiligen werden, aber es wird in meinen Augen eine überschaubare Anzahl sein. Das ist zumindest der Trend, den wir in den letzten Wochen beobachtet haben. Das Phänomen Fridays For Future ebbt ab. Zu Beginn, als alles neu war, gab es wesentlich mehr Schülerinnen und Schüler, die sich beteiligen wollten oder zumindest Interesse zeigten. Jetzt ist `Greta‘ ein Stück weit Alltag und viele Schülerinnen und Schüler gehen zu genau diesem wieder über. Ein Massenphänomen war Fridays For Future an unserer Schule nie. Sicherlich wird die Veranstaltung am 20. September aber noch einmal sehr viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Ist es ein ganz bestimmter “Typ” von Schülerin bzw. Schüler, der sich regelmäßig an den Protesten beteiligt?

Hendrik Löns: Es fällt mir schwer, die Beteiligung am Klimaprotest einem speziellen `Menschentyp‘ zuzuordnen. Für mein Empfinden war es immer eine Mischung. Wir haben zum einen die, die es toll fanden, die Schule zu schwänzen, um in Hamburgs attraktiver Innenstadt zu shoppen oder sich einmal einen Tag lang vom Schulleben auszuklinken. Zum anderen habe ich aber auch sehr engagierte Schülerinnen und Schüler kennengelernt, für die es wirklich um die Sache ging und die mit großer Ernsthaftigkeit und Begeisterung dafür eingetreten sind.

Die Schülerproteste entwickeln sich inzwischen zu einem “Problem” für die Schulen. Darf man Schülern, die von ihren Lehrern dazu ermutigt werden sollen, ihre Meinung mit überzeugenden Argumenten zu vertreten, an der Teilnahme hindern?

Hendrik Löns: Ich finde die Frage irreführend. Natürlich geht es uns in der Schule darum, die uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen zu mündigen Bürgern zu erziehen. Dies ist aber nicht von der Teilnahme an einer Demonstration während der Unterrichtszeit abhängig. Die Fridays For Future- Bewegung zielt darauf ab, durch zivilen Ungehorsam Aufmerksamkeit zu erregen. Ich denke, hier gäbe es auch andere Wege, Protest sinnvoll und effektiv zu artikulieren – und zwar ohne gegen Regeln und Gesetze – wie hier die Schulpflicht – zu verstoßen.

Haben Sie und Ihre Kollegen mit der Schülerschaft darüber diskutiert, ob man sich während der Schulzeit an den Protesten beteiligen sollte bzw. welche Argumente dagegen sprechen?

Hendrik Löns: Wir haben uns im Schülerrat mit allen Klassen- und Kurssprechern ausgetauscht und auch in den Klassen darüber gesprochen. Hier ging es aber nicht um die Frage, ob man sich beteiligen soll oder nicht, sondern um die Gründe, warum dies aus schulischer Sicht nicht richtig ist. Die Schülerinnen und Schüler konnten dabei die Position der Schulleitung mit großer Mehrheit durchaus nachvollziehen, insbesondere, wenn es um das Gebot politischer Neutralität geht.

Wie schafft man es als Schulleiter, mit Schülern, Lehrern und Eltern eine konstruktive Lösung herbeizuführen?

Hendrik Löns: Ich kann gar nicht sagen, dass die Positionen so konfrontativ sind oder waren. Die Positionen sind klar und wir haben auf allen Seiten, zuletzt bei der Elternvollversammlung, einen sachlichen Diskurs geführt. Fest steht, wenn jemand an den Protesten teilnehmen will und die Schule schwänzt, muss mit den entsprechenden Konsequenzen auch gelebt werden können. Hier wird es keine Ausnahmen oder Sonderregelungen geben können. Die Vorgaben unserer Schulbehörde und des Gesetzgebers sind eindeutig.

Ermahnungen, Strafarbeiten oder Verweise können die Folge von unentschuldigtem Fehlen sein. Wie stehen Sie zu diesen Maßnahmen?

Hendrik Löns: Es geht um eine Abwägung und Einzelfallentscheidung. Grundsätzlich ist aber jedes unentschuldigte Fernbleiben ein Verstoß gegen die Schulpflicht und muss als solche dokumentiert und geahndet werden. Mir liegt an dieser Stelle sehr daran, im Gespräch zu bleiben, statt in Formalismen und überzogene Sanktionsmechanismen auszuweichen.

Wie reagiert Ihre Schule auf das Nichterscheinen der Schüler? Wurden spezielle Regelungen erlassen?

Hendrik Löns: Das Schwänzen des Unterrichts wird entsprechend dokumentiert und unentschuldigtes Fehlen bei Klassenarbeiten führt zu der Note `ungenügend‘. Hier benötigen wir keine speziellen Regelungen.

Finden die Diskussionen der Schüler über die Teilnahme an den Fridays For Future-Protesten auch über die sozialen Netzwerke statt?

Hendrik Löns: Sicher ja, aber hier haben wir als Schule keinen Zugriff – und das ist ja auch gut so.

Können Sie als Schulleiter bzw. Lehrer auf die Fridays For Future-Diskussion Einfluss nehmen?

Hendrik Löns: Wir als Schule wollen keinen Einfluss nehmen, weil wir uns in dieser Frage politisch zurückhalten wollen. Dies ist auch ein zentrales Argument für die Positionierung unserer Schule. Als Schulleiter kann ich nicht eine Form des Protestes zulassen, genehmigen oder begünstigen, zum Beispiel, indem Wandertage auf den Tag der Demonstration gelegt werden und einen anderen ablehnen. Man stelle sich vor, die Schülerinnen und Schüler würden gegen die Aufnahme von Flüchtlingen auf dem Hamburger Rathausmarkt protestieren oder an einer AFD- Demonstration teilnehmen wollen. Unsere Öffentlichkeit würde sicher anders reagieren, als wenn es um das Thema `Klimaschutz‘ geht. Wir sind eine pluralistische Gesellschaft und unsere Schule steht genau dafür ein.

Ansgar Kemmann, der Initiator der Initiative “Jugend debattiert” ist der Auffassung, dass Schüler möglichst frühzeitig an die Kunst des Debattierens und der kritischen Meinungsäußerung herangeführt werden sollten. Sehen Sie das genauso?

Hendrik Löns: Ich stimme Herrn Kemmann ausdrücklich zu – wir nehmen selbst an genau diesem Wettbewerb teil.

Sie sind nicht nur Schulleiter, sondern auch Vater von zwei schulpflichtigen Jugendlichen. Erlauben Sie Ihnen die Teilnahme an den Fridays For Future-Demonstrationen? 

Hendrik Löns: Ich `erlaube‘ ihnen den Protest natürlich nicht. Das wäre ja geradezu bigott. Aber meine Kinder sind Wesen mit einem eigenen Kopf und wenn sie sich dafür entscheiden würden, dass sie unbedingt an den Demonstrationen teilnehmen wollen – und dafür auch die Konsequenzen tragen – dann müsste ich damit leben können. Darüber haben meine Frau und ich aber natürlich mit den Kindern gesprochen.

Welche Empfehlung würden Sie den Initiatoren der Fridays For Future-Bewegung mit auf den Weg geben?

Henrik Löns: Ich denke, ein großes Ziel der Bewegung ist erreicht: Die erzeugte Aufmerksamkeit für das Thema hat für einen großen politischen Stellenwert gesorgt. Jetzt ist es in meinen Augen an der Zeit, einen Weg zu gehen, der es erlaubt, für den Klimaschutz zu streiten, ohne auf zivilen Ungehorsam zu setzen. Schülerinnen und Schüler brauchen Bildung. Und wir Schulen brauchen Zeit für Bildung. Es kann langfristig keine Lösung sein, die Schule zu schwänzen, um auf politische Anliegen aufmerksam zu machen, völlig egal, ob es um den Klimaschutz geht oder um ein anderes Thema.

Hendrik Löns

Hendrik Löns

Hendrik Löns hat Englisch und Geschichte studiert und ist Schulleiter am Gymnasium Ohlstedt in Hamburg. Die Bildungseinrichtung wurde 2018 als Europaschule zertifiziert.

 

 

Nachgehakt: 7 private Fragen an Hendrik Löns

Mit welcher Persönlichkeit würden Sie gerne einmal debattieren und worüber?

Ich habe hier keine Präferenzen. Für mich steht die Sache und das konkrete Anliegen im Vordergrund.

Wie würden Sie Ihren Diskussionsstil beschreiben?

Mit Herz und Verstand und einem offenen Ohr für mein Gegenüber.

Was machen Sie am liebsten nach einer anstrengenden Diskussion?

Ein kühles Helles trinken.

Ergänzen Sie bitte diesen Satz: " In Diskussionen kann ich überhaupt nicht leiden,.."

… wenn man sich ständig ins Wort fällt.

Wer ist Ihr Vorbild im Debattieren?

Da gibt es bestimmt viele. Ich habe mir noch nie Gedanken um eine konkrete Person gemacht. Mich haben immer Menschen überzeugt, denen man anmerkt, dass sie sich mit Leidenschaft und Authentizität für eine Sache einsetzen und zwar für das Gemeinwohl und nicht den Nutzen des Einzelnen.

Wer hat Sie in einer Debatte besonders überrascht?

Das kann ich so nicht sagen. Ich finde es mutig, wenn Menschen sich in Debatten überzeugen lassen können. Es ist ein Wettstreit der Ideen.

Sandra Maischberger, Tilo Jung (Jung & Naiv), Michel Friedman oder Anne Will?

Ich finde keinen Zugang zu den genannten Personen. Tilo Jung kenne ich nicht gut genug.