Der DHV verabschiedete 2019 eine Resolution zur Verteidigung der freien Debattenkultur an Universitäten. Als einen Anlass nannten sie Presseberichterstattung und Internetbeiträge zu Professor Jörg Baberowski, dem Teile der Studierendenschaft der Humboldt Universität faschistoide und rassistische Tendenzen nachsagen. Die Studierendenorganisation Referent_innenRat der HU setzt sich insbesondere dafür ein, ein geplantes interdisziplinäres Zentrum der vergleichenden Diktaturforschung zu verhindern.

Ein Interview mit João Fidalgo. Er studiert Philosophie im Master und engagiert sich im Referent_innRat (AStA) der Humboldt-Universität. Er ist außerdem in verschiedenen akademischen Gremien aktiv und Vorsitzender der Kommission für Lehre und Studium des akademischen Senats. „Es werden jetzt mehr Meinungen als je zuvor an deutschen Universitäten gelebt und ausgetauscht.“, sagt Joao Fidalgo im Interview mit Debatoo.

Professor Baberowski möchte an der HU ein Institut zur vergleichenden Diktaturforschung eröffnen. Die ASTA der HU stellt sich im akademischen Senat dagegen. Warum? Was spricht gegen die Eröffnung eines solchen Instituts? 

João Fidalgo: Es handelt sich genau genommen nicht um ein Institut, sondern um ein interdisziplinäres Zentrum. An dem gibt es einiges zu kritisieren. Allein aus wissenschaftlicher Perspektive ist dieses Zentrum nicht besonders interessant. Entsprechend wenig begeistert fallen teilweise auch die wissenschaftlichen Gutachten aus. Auch ist unklar, warum bei einem interdisziplinären Zentrum zum Thema Diktaturforschung ausschließlich Jurist_innen und Historiker_innen mitmachen. Viele Teilbereiche der Forschung zum Thema sind gar nicht abgedeckt. Der Ansatz wirkt altbacken, insgesamt nicht überzeugend und das Projekt ist auch nicht besonders originell. Die HU ist, wie viele Unis in Deutschland, finanziell nicht in der Lage jedes vanity project von Einzelwissenschaftlern zu finanzieren. Wir finden es unnötig und falsch in dieses Projekt Geld zu investieren. Darüber hinaus ist es laut Antrag Ziel der Antragsteller, aus diesem Zentrum ein Think Tank entstehen zu lassen. Think Tanks beschäftigen sich mit und nehmen Einfluss auf tagesaktuelle Politik. Zumindest haben sie dieses Ziel. Die Humboldt-Universität sollte keine Mittel dafür ausgeben, Herrn Baberowskis Zitierfähigkeit in solchen politischen Fragen eine weitere Legitimität zu verleihen.

Was sind sonst weitere Kritikpunkte der ASTA an Professor Baberowski? 

João Fidalgo: Professor Baberowski vertritt schon lange streitbare Positionen zum Stalinismus, Nationalsozialismus und zum zweiten Weltkrieg. Er scheint die Wurzel allen Übels in der russischen Revolution zu verorten und das kann zu teils relativistischen Ansätzen führen, die sich vor allem durch Antikommunismus auszeichnen. Seit 2015 hat er sich aber darüber hinaus in vielen politischen Fragen immer mehr der Neuen Rechten angenähert und viele der üblichen Ansätze auch verfolgt. So hat er sich nicht nur als „Asylkritiker“ ausgezeichnet, er soll auch an der Entstehung der Erklärung 2018 beteiligt gewesen sein. Herr Baberowski kultiviert außerdem die beliebten neurechten Narrative der linksgrün kontrollierten Bundesrepublik und wähnt, geradezu verschwörungstheoretisch, überall dort ein „Claudia-Roth-Milieu“, wo ihm mal widersprochen wird. Selbst die Justiz soll von diesem beeinflusst sein. Auf der Facebook Seite seines Lehrstuhls erschien in Bezug auf Boris Palmer ein kleiner Text, in dem von einer „Diktatur der Tugendwächter“ die Rede war (man fragt sich, ob diese auch Gegenstand seiner Forschung in diesem Zentrum sein könnte). Regelmäßig bezeichnet er Studierende der HU als „Linksextreme“, „Kriminelle“, „Geisteskranke“ und nutzt ähnlich originelle Schimpfwörter. Als „NazisRaus“ in sozialen Netzwerken trendete, empörte sich Herr Baberowski über seinen Twitter Account darüber und bezeichnete die Aktion als Meinungsmache der öffentlich-rechtlichen. Er wurde wohl darauf hingewiesen, wie sehr er sich mit solchen und ähnlichen Äußerungen ins politische Abseits manövriert und hat inzwischen leider seinen Account gelöscht.

Welchen Stellenwert sollte Political Correctness in der Wissenschaft/Forschung einnehmen?

João Fidalgo: Zuallererst ist political correctness ein rechter Kampfbegriff, unter dem ich mir schwer etwas vorstellen kann. Wissenschaft und Forschung haben erstmal eine andere Aufgabe. Die Vorstellung, Wissenschaft sei von jeder Normativität & Bias von Natur aus frei, ist aber auch nicht haltbar. Auch Wissenschaft muss sich immer wieder hinterfragen und ethischen Maßstäben entsprechen.

Darf an Universitäten jeder noch seine Meinung frei äußern? (Oder wie kontrovers dürfen Debatten an deutschen Unis noch sein?)

João Fidalgo: Klar. Wenn überhaupt zeigen solche Debatten wie um Herrn Baberowski, dass immer mehr Leute an den Universitäten sich frei an den Debatten beteiligen können. Das geht mit einer entsprechenden Steigerung der Kontroverse einher. Wenn überhaupt, könnte man den Eindruck bekommen, dass manche Hochschullehrer sich die Zeiten zurückwünschen, in denen sie über jede Kritik erhaben waren und sowohl Studierende als auch Zivilgesellschaft keine medienwirksamen Kritiken an deren Positionierungen hervorbringen konnten.

Spitzt sich die Toleranzschwäche für andere Meinungen an deutschen Universitäten zukünftig weiter zu und woher kommt dies überhaupt? 

João Fidalgo: Es werden jetzt mehr Meinungen als je zuvor an deutschen Universitäten gelebt und ausgetauscht. Das Problem liegt, wie ich denke, eher an einer Minderheit an Lehrenden, die mit Kritik nicht umgehen können, weil diese bis vor kurzem leider unüblich oder zumindest nicht wahrnehmbar war.

Rechtfertigt eine andere Meinung oder die eines Gastredners den verbalen Angriff  – via sozialer Medien  – auf Professoren/Seminarleiter? 

João Fidalgo: Herr Baberowski hat mich und andere Studierende auf Facebook und Twitter [Anmerkung Debatoo: der Twitter Account von Professor Baberowski wurde gelöscht] als linksextrem und kriminell bezeichnet – ob er sowas darf und wie gerechtfertigt das ist wird leider seltener diskutiert. Jedenfalls ist es normal seine Erlebnisse und Erkenntnisse in und aus der Universität auch über soziale Netzwerke zu kommentieren und nach außen zu tragen. Kontroverse Debatten werden nun mal kontrovers geführt. Dass Debatten nun mal auch in sozialen Medien stattfinden, kann niemanden wundern.

Welche Debattier-Regeln (Redner-Regeln) sollten an deutschen Unis gelten?

João Fidalgo: Ich bin mir unsicher, was mit der Frage gemeint ist. Grundsätzlich sollte eine größtmögliche Vielfalt an unterschiedlichen qualifizierten Debattenbeiträgen aus unterschiedlichen Perspektiven ermöglicht werden. Falls die Frage sich auf Gender-Quotierung oder ähnliches bezieht: Es ist jedem, der sich in universitären Kontexten aufhält (in manchen Fachbereichen mehr als in anderen), schon mal aufgefallen, dass eine starke männliche Dominanz, was Debattenbeiträge usw. angeht, durchaus existiert. Die Universitäten sind eben Teil der Gesellschaft und spiegeln ihre Probleme wider. Dafür Lösungen zu finden sollte auch der Wissenschaft wichtig sein. 

Wie steht es um die Debattenkultur an deutschen Unis im Vergleich zu anderen Ländern? 

João Fidalgo: Die muffige Atmosphäre der deutschen Universität wird mehr und mehr aufgebrochen und die Gesellschaft außerhalb der Akademie spielt auch in der Universität eine immer größere Rolle. Da sind einige Länder schon weiter. Das ist auch in Deutschland eine erfreuliche Entwicklung, die hoffentlich eine neue Dynamik in das universitäre System bringt.

Ohne Freiheit ist Wissenschaft keine Wissenschaft – richtig oder falsch?

João Fidalgo: Ohne Freiheit ist Wissenschaft nicht autonom. Allerdings läuft Wissenschaft jetzt schon das Risiko nicht autonom und frei zu sein, was mehr an ihrer Finanzierung liegt, als an studentischer Kritik an politischen Äußerungen einzelner Wissenschaftler. Dort, wo Wissenschaftsfreiheit tatsächlich konkreter bedroht ist, ist sie das aufgrund von staatlichem Handeln (siehe Ungarn) und eben im Namen des Kampfes gegen „political correctness“. Die Debatte diesbezüglich wird in Deutschland leider völlig inhaltsleer und abstrakt geführt.

Laut der Studie „Das freie Wort unter Druck“ äußern sich 75 % aller Befragten über die derzeitige Situation der freien Meinungsäußerung in Deutschland besorgt? Wie schätzen Sie die Situation ein?

João Fidalgo: Die Grenzen des Sagbaren wurden in den letzten Jahren, wenn überhaupt, erweitert. Leider haben es konservative und rechtspopulistische Kräfte aber immer wieder geschafft, ihre Entgleisungen als normal darzustellen, während die Kritik daran als Angriff auf die Meinungsfreiheit gewertet wurde. Wenn Fraktionsvorsitzende von Bundestagsfraktionen den Holocaust als „Vogelschiss“ bezeichnen können und deren Partei sich damit nicht ins Aus katapultiert, dann zeigt sich darin, dass leider doch noch genug Platz für menschenfeindliche Äußerungen in der Öffentlichkeit und auch der respektloseste und gefährlichste Geschichtsrevisionismus kein Tabu mehr ist.

Welche Buzzwords lösen die Meinungskämpfe vorwiegend aus?

João Fidalgo: Selbstverständlich sind Diskussionen um Gender, um Rassismus oder um Kopftuchverbote heute besonders aufgeladen. Grundsätzlich sind gesellschaftliche Diskussionen darüber zu begrüßen. Leider wird in der medialen Darstellung häufig einiges vermengt. So würde ich bspw. behaupten, dass die ProfessorInnen Schröter und Münkler nicht rechte Positionen vertreten, wie es Baberowski tut. Leider sorgt die ausschließliche Konzentration des Diskurses auf Wissenschafts- und Meinungsfreiheit häufig dafür, dass die inhaltliche Kritik an den jeweiligen Positionen und den Debatten, die sich da abspielen, nicht richtig rezipiert wird. Das spielt natürlich Leuten wie Herrn Baberowski in die Hände, der sich dann als Widerstandskämpfer und Opfer der „PC“-Kultur und des „Claudia-Roth-Milieus“ darstellen kann. Er ist aber weder das Eine noch das Andere. Er ist ein Wissenschaftsbeamter mit guter Stellung, Freunden in vielen Medien und großem Publikum. Dass manche Studierende (und andere Wissenschaftler) seinen Auffassungen widersprechen und sie kritisieren, sollte ihm und anderen, die sich an öffentlichen Diskursen beteiligen wollen, zumutbar sein.

Zum Thema des Interviews führte Debatoo bereits mit Mattias Jarroch, Pressesprecher des Deutschen Hochschulverbandes (DHV), ein Interview, das hier nachgelesen werden kann. 

João Fidalgo

João Fidalgo

João Fidalgo studiert Philosophie im Master und engagiert sich im Referent_innRat (AStA) der Humboldt-Universität. Er ist außerdem in verschiedene akademische Gremien aktiv und Vorsitzender der Kommission für Lehre und Studium des akademischen Senats.

 

Foto von Fidalgo: privat, Beitragsbild von Paolo Nicolello on Unsplash