„Die politische Bildung hat Grenzen. Diejenigen, die ein ideologisches Weltbild haben, können wir nicht erreichen. Das ist dann nicht mehr unser Gebiet.”

„Die letzten Hemmschwellen sind aufgehoben und es geht vielfach sehr emotional zu. Dies wollen wir gerne ändern, um wieder zu mehr Sachlichkeit zu kommen.”

Ein Gespräch mit Hanne Wurzel. Die Leiterin des Fachbereichs Extremismus in der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) verantwortet u.a. das Programm „Miteinander reden“

Wie funktioniert das Projekt ‚Miteinander Reden‘?

Hanne Wurzel: Das Programm startete mit einem Ideenwettbewerb, über den wir 100 Förderprojekte ausfindig gemacht haben. Diese Projekte fokussieren sich z.B. auf Themen wie Bürgerbeteiligung, Migration und Integration, Mobilität, Antisemitismus, Umweltschutz oder Digitalisierung. Wir begleiten die Akteure über zwei Jahre lang und unterstützen sie bei der Umsetzung ihrer Konzepte. Das können Arbeitsgruppen, Gesprächskreise, Konzepte mit künstlerischem Hintergrund oder auch Workshops sein. 

Welche Tendenzen zeichnen sich bei der gelebten Gesprächskultur ab?

Hanne Wurzel: Das können wir noch nicht sagen. Festgestellt haben wir allerdings, dass die Beteiligung von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich hoch war. So kamen sehr viele Vorschläge aus Brandenburg, Niedersachsen, Bayern und Schleswig-Holstein. Aber die diesbezüglichen Aktivitäten in Hessen, Sachsen und Thüringen wären noch ausbaufähig.

Welche Kanäle nutzen die Bürger, um miteinander über die Belange ihrer Kommune zu diskutieren?

Hanne Wurzel: Hier liegt ein starkes Gewicht auf dem analogen Bereich. Natürlich gibt es auch Projekte, die sich mit sozialen Medien auseinandersetzen, aber die sind in der Minderheit.

Welche Veränderungen nehmen Sie in politischen Debatten in den letzten Jahren wahr? 

Hanne Wurzel: Uns geht es vor allem darum, die Pflege des Miteinanders zu stärken. Darum wurde sich lange Zeit nicht gekümmert. Das merkt man daran, dass die Art, wie wir miteinander kommunizieren oder debattieren, zu harten Auseinandersetzungen führen kann. Ob in der Presse oder bei Interviews, überall wird stark polarisiert. Die letzten Hemmschwellen sind aufgehoben und es geht vielfach sehr emotional zu. Dies wollen wir gerne ändern, um wieder zu mehr Sachlichkeit zu kommen. Das muss regelrecht geübt werden. Die Menschen müssen lernen, dem anderen besser zuzuhören oder sein Gegenüber ausreden zu lassen. Hierfür möchten wir Orientierungshilfen geben und Graubereiche identifizieren. 

Welche Herausforderungen erleben Sie bei Diskussionen? 

Hanne Wurzel: Die Gesellschaft hat sich verändert ebenso die Art der Kommunikation. Online muss man vielfach nur mit ja oder nein antworten. Man ‚liked‘ etwas mit einem Klick. Auf jeden Fall macht die Begrenzung von Zeichen es schwierig, eine notwendige Diskussion zu führen. Twitter hat zwar viele Vorteile, ersetzt aber keine analogen Gespräche. 

Gibt es bestimmte Muster, wenn man über Extremismus diskutiert? 

Hanne Wurzel: Das Thema muss sachlich angegangen werden. Wir müssen uns fragen, wie mit populistischen Äußerungen umgegangen werden muss und mit Personen, die populistische Meinungen vertreten. Sollen sie mit eingebunden werden und wie können wir Zugang zu ihnen finden? Extremismus bedeutet aber auch, dass wir mehr erklären müssen, was Demokratie ausmacht und welche Chancen sie bietet und was die Demokratie im Gegenzug von uns fordert. Diese Erklärungen haben wir in den letzten Jahren vernachlässigt. Wir müssen demokratisches Verhalten vorleben und geeignete Settings zur Verfügung stellen wie kleine Gesprächsrunden oder Podiumsdiskussionen mit einem guten Moderator, der geschickt fragt und alle Teilnehmer einbindet. 

Wie gut kann man mit Extremen diskutieren? Macht da Diskussion noch Sinn? 

Hanne Wurzel: Die politische Bildung hat Grenzen. Diejenigen, die ein ideologisches Weltbild haben, können wir nicht erreichen. Das ist dann nicht mehr unser Gebiet. 

Der Bundespräsident sagt: Politische Debatten im Internet gehören zum festen Bestandteil unserer Demokratie. Für den Bundespräsidenten bedeutet dies: ‚Demokratie kann in Zukunft nur gelingen, wenn sie auch digital gelingt.‘ Wie bewerten Sie diese Aussage vor dem Hintergrund Ihrer Aufgabe? 

Hanne Wurzel: Er sagt, dass wir beide Formate benötigen, die analogen und digitalen. Und damit hat er recht. 

In welcher Form setzt die BpB soziale Medien ein, um die politische Debattenkultur in Deutschland zu fördern? 

Hanne Wurzel: Wir erstellen aktuell pädagogische Online-Konzepte, stellen aber fest, dass dies nicht einfach ist. Hier stellen wir gerade unsere Innovationsfähigkeit unter Beweis. Wir sind z.B. gerade in Zusammenarbeit mit einem bekannten Medienstar dabei, Grundbegriffe der Demokratie in Videoclips zu erklären. Damit wollen wir gerne eine junge Zielgruppe erreichen und wir stellen Chatangebote zusammen und tauschen uns mit Youtubern aus. 

Wie geht es weiter mit unserer Debattenkultur? 

Hanne Wurzel: Es führt natürlich kein Weg daran vorbei, dass wir auch zukünftig kontroverse Themen in Diskussionen sachlich aufgreifen. Aber wir müssen es dringend schaffen, Abstand zu unserem Schwarz-Weiß-Denken zu erhalten und müssen in digitalen wie analogen Räumen sachliche Debatten führen können. Die BpB sieht sich als Vernetzungsakteur zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Wir wollen erreichen, dass möglichst viele Menschen die Meinungen anderer reflektieren. 

Hanne Wurzel

Hanne Wurzel

Hanne Wurzel hat in der Bundeszentrale für politische Bildung verschiedene leitende Positionen wahrgenommen. Seit 2013 leitet sie den Fachbereich ‚Extremismus‘ und zeigt sich für die Neustrukturierung der Extremismuspräventionsarbeit verantwortlich. Sie studierte Geschichte, Spanische Philologie sowie Politik- und Erziehungswissenschaften an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

 

Foto vom BdP. Beitragsbild von Free-Photos auf Pixabay