Entweder wir haben eine Debattenkultur oder wir haben keine

„Es gibt keine liberale Demokratie. Entweder ist eine Demokratie liberal, oder sie ist keine Demokratie.“ Das sagt Friedrich Merz im Juni 2019.  

Gleiches gilt auch für eine (offene) Debattenkultur, entweder ist eine Debattenkultur offen, oder wir haben keine Debattenkultur. Sie gehört zur Demokratie, sie bedingen sich. Doch wie liberal ist noch unsere Debattenkultur?

Zuerst ein Blick auf die Definition: „Eine Debatte (franz. débattre: (nieder-)schlagen) ist ein Streitgespräch, das im Unterschied zur Diskussion formalen Regeln folgt und in der Regel zur inhaltlichen Vorbereitung einer Abstimmung dient.“ Von dieser recht nüchternen Definition entfernen wir uns immer mehr. Sind diese „formalen Regeln“ schon in den Parlamenten oder im Gespräch nicht mehr selbstverständlich, so sind sie bei Twitter, Facebook und Co. fast gänzlich abgelöst und durch neue, weniger formale ersetzt.


Wir versinken im Ungesagten, Ungewussten und Ungefragten

Es wird geliked, geshared und kommentiert – mit Herzchen, Daumen hoch oder auch den bekannten  „!!!!!!“ am Ende des Satzes. In der Anonymität lassen sich Viele zu ungefilterten Halbwahrheiten und Beleidigungen herab, welche mit einer Debatte nichts mehr zu tun haben. Ist das eine Verrohung, eine Verstumpfung der Gesellschaft oder der neue Hang zur Meinungspolizei, welche uns zu solchen digitalen Ausbrüchen treibt? Oder kommt alles zusammen?

Wir versinken seit längerem im Ungesagten, Ungewussten und Ungefragten, zwischen Meinungsfreiheit und sogenannter „political correctness“. Doch Freiheit kann ohne Grenzen nicht bestehen. Dieses Paradoxon trifft auch auf Meinungsfreiheit zu, sie hat ihre Grenzen. Doch sind wir gerade dabei, alle Grenzen aufzugeben?

Es bildet sich zunehmend eine schwarz-weiß Kultur, was zur Folge hat, dass man sich nur noch sehr ungern aus seiner eigenen Filterblase der Wirklichkeit heraustraut. Man liest nur noch die Medien, man schaut nur noch die Sendungen, und liked nur noch die Posts, die einen bestätigen. Eine Radikalisierung ist der einzig logische Schluss der daraus resultiert, und die aktuelle politische Situation in Europa und Deutschland weist auf einen solchen Weg hin.


Der Ja-Aber-Mensch ward geboren

Es ist der Ja-Aber-Mensch geboren, der sich in der ganzen Gesellschaft fortpflanzt. Das Wort „aber“ gehört aus dem gemeinen Wortschatz der Debattenkultur gestrichen. Sobald man einen Satz mit „aber“ fortsetzt, erklärt man das vorher Gesagte als ungültig. In der aktuellen Zeit findet „aber“ jedoch seine Renaissance: Ich habe nichts gegen Ausländer, aber… Ich möchte mich nicht in Deine Lebensweise einmischen, aber… Es geht mich ja nichts an, aber… 

Der vermeintliche Schutz, in dem sich der Sprechende wähnt, ist eine Selbsttäuschung. Man schützt sich nicht vor der Grenzüberschreitung, der Ächtung – menschlich, kulturell und in der Debattenführung, sondern wird unglaubwürdig. Denn die überproportionale Betonung des zweiten Teils des Satzes durch „aber“ beweist, dass es viele Vorbehalte, Vorurteile, Verurteilungen gibt. Der Ja-Aber-Mensch vermittelt zudem das Bild, dass eine Lösung, ein Kompromiss eher zweitrangig, wenn nicht gar ganz überflüssig ist, die eigene Meinung ist alleine und allgemeingültig – immer.

Wo wird heute eigentlich noch vernünftig debattiert?

Doch was beim Individuum zu beobachten ist, ist das erste Symptom einer siechenden Gesellschaft. Egoismus und Einseitigkeit verbreiten sich wie eine Krankheit. Die Ja-Aber-Kultur manifestiert sich – in den Köpfen und in der Gesellschaft. Am Ende steht Zerrüttung, wo Gleichschritt schützt und Schweigen honoriert wird.

Doch ist dieser Weg unausweichlich? Gibt es noch die friedvolle und pure Debattenkultur in Deutschland? Man findet sie noch, aber in Nischen, in denen sie nicht mehr vermutet wird. Nein, eher selten in den großen demokratischen Parlamentshäusern dieser Nation oder im World-Wide-Web. Sondern vielmehr in verrauchten Spelunken und weingetränkten Abenden. Es wird ehrlich und respektvoll debattiert, unabhängig vom Tagesgeschäft und sonstigen neuen Normen.

Wie bereits Friedrich Schiller sagte: „Zwang erbittert die Schwärmer immer, aber er bekehrt sie nie.“

In diesem Sinne lasst die Schwärmer ausschwärmen, das Miteinander wieder würdigen, die Meinungsverschiedenheit zelebrieren – in einem angemessenen Stil uns gemeinsame Ziele fassen.

Antonia Haufler

Antonia Haufler

Geboren 1991 in Hamburg, studierte Antonia Haufler Biochemie und Molekularbiologie. Mit knapp 17 Jahren trat sie in die Junge Union ein, später dann in die CDU. Seit April 2017 ist sie Landesvorsitzende der Jungen Union Hamburg.

 

Bilder (Fotograf): Christian Ströder