Knapp zehn Jahre nach der hitzig geführten Stuttgart 21-Debatte gibt es in Deutschland eine vielfältige Anbieterlandschaft von Bürgerbeteiligung und Projektkommunikation. Allerdings lässt die Qualität der Beteiligungsprozesse oftmals noch zu wünschen übrig. Das geht aus dem ersten Deutschen Akzeptanzatlas hervor, der kürzlich erschienen ist. Wie wird Bürgerbeteiligung und Projektkommunikation von Bürgern wahrgenommen? Wer sind die Anbieter von Dienstleistungen für Bürgerbeteiligung? Diesen und weiteren Fragen ist ein Forschungsteam der Hochschule Pforzheim nachgegangen. Studienleiter Felix Krebber, Professor für Unternehmenskommunikation im Masterstudiengang Corporate Communication Management an der Hochschule Pforzheim, erklärt die Hintergründe.

Der Deutsche Akzeptanzatlas ist in diesem Jahr zum ersten Mal erschienen. Warum machen Sie sich für dieses Thema stark?

Prof. Felix Krebber: Ich befasse mich seit vielen Jahren mit der Frage, wie Unternehmen mit den gestiegenen Beteiligungserwartungen aus der Zivilgesellschaft umgehen. Mit unserem Lehrforschungsprojekt wollten wir herausfinden, wie es 10 Jahre nach Stuttgart 21 um die Bürgerbeteiligung in Deutschland bestellt ist.

Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Prof. Felix Krebber: Wir haben zum einen die Medienberichterstattung der Zeitungen analysiert, um Aufschluss darüber zu erhalten, wie Beteiligungsprozesse, insbesondere bei Stadtentwicklungs-, Bau- oder Verkehrsprojekten bewertet werden. Dafür haben die Studierenden bundesweit 130 Ausgaben bzw. über 4.500 Artikel lokaler und regionaler Tageszeitungen untersucht. In einem zweiten Schritt haben wir in einer Online-Recherche sämtliche Anbieter von Bürgerbeteiligungen in Deutschland erhoben und diese analysiert.

Was erwarten Bürger, wenn sie an einem Bürgerbeteiligungsverfahren teilnehmen?

Prof. Felix Krebber: Die am häufigsten genannte Erwartung an einen Beteiligungsprozeß ist, dass Bürger überhaupt Hinweise zur Projektgestaltung abgeben können. Als zweithäufigste Erwartung wurde Ergebnisoffenheit genannt. Das heißt, dass nicht von vornherein feststeht, was an einer Stelle passiert, sondern, das was an Beteiligung stattfindet, auch konsequent Auswirkungen auf die geplanten Projekte haben kann. Frühzeitigkeit wurde ähnlich häufig genannt, also nicht vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden. Auch in dieser Hinsicht besteht der Wunsch, Einfluss zu nehmen und rechtzeitig mit in die Planungen einbezogen zu werden.

Wurden die Erwartungen der Bürger erfüllt?

Prof. Felix Krebber: Deutschlandweit wird nur in einer von drei Aussagen von erfüllten Erwartungen berichtet. Bei den meisten erfüllten Erwartungen handelt es sich dabei um das Mindestmaß an Beteiligung, also überhaupt Hinweise zur Gestaltung von Projekten abgeben zu können. Ein weiteres Drittel berichtet von enttäuschten Erwartungen. Die übrigen Aussagen sind auf die Zukunft bezogen, also Versprechen der Vorhabenträger oder Hoffnungen der Beteiligten.

Was müsste verbessert werden, um Bürgern besser gerecht zu werden?

Prof. Felix Krebber: Es sollte eine Transparenz darüber hergestellt werden, wie viel Mitbestimmung in einem Bürgerbeteiligungsverfahren überhaupt möglich ist. Wenn eine Bürgerbeteiligung nur der Information dient, kann das in einem spezifischen Fall legitim sein. Zum Beispiel, wenn die Entscheidung schon an einer anderen Stelle getroffen worden ist, etwa durch Bundesgesetzgebung und dadurch politisch legitimiert ist. Dann muss der Beteiligte aber von vornherein wissen, dass es sich um eine reine Informationsveranstaltung handelt. Wenn diese Transparenz nicht gegeben ist, führt dies zu Enttäuschungen.

Welche Konsequenzen hat dies?

Prof. Felix Krebber: Die Bürger wollen sich einmischen und ihre Ideen einbringen. Wenn Menschen negative Erfahrungen bei Bürgerbeteiligungsprozessen gemacht haben, dann besteht die Gefahr, dass Ernüchterung einsetzt und sie der Meinung sind, dass ihre Teilnahme ohnehin nichts bringt. Das kann aber nicht Ziel von Bürgerbeteiligung sein! Vielmehr müssen die kreativen Potentiale, die in Bürgerbeteiligungen stecken, besser genutzt werden. Dafür ist zunächst einmal ein fairer Umgang mit den Beteiligten erforderlich.

Durch welche Maßnahmen könnte die Qualität der Bürgerbeteiligungsverfahren verbessert werden?

Prof. Felix Krebber: Es bedarf verbindlicher Richtlinien und Qualitätsmaßstäbe, über die sich die Anbieter von Beteiligungsprozessen verständigen und zu denen sie sich verpflichten müssen. Ein solcher Standard könnte sein, dass es von vornherein Transparenz darüber gibt, welche Form der Beteiligung überhaupt möglich ist. Man könnte hier über eine Art Label nachdenken, mit dem die jeweilige Bürgerbeteiligung gekennzeichnet wird. Das würde für Klarheit sorgen, weil der Teilnehmende dann genau weiß, wie viel Beteiligung eigentlich möglich ist. Auch die Durchführung der Bürgerbeteiligungsverfahren bedarf mehr Professionalität. Bürgerbeteiligung wird zu 49 Prozent branchen- beziehungsweise fachfremd von technischen Planungs- und Architekturbüros angeboten. Viele der Planungs- und Architekturbüros sind dabei ohne ausgewiesene Kommunikationsexperten tätig.

Gerade bei städtebaulichen Maßnahmen fühlen sich Bürger oft machtlos und von den Entwicklungen „überrollt“. Was sollten Projektinitiatoren dagegen tun?

Prof. Felix Krebber: Unternehmen sollten – wenn möglich – die Hinweise aus der Zivilgesellschaft zur Gestaltung eines Projektes aufnehmen und in ihren Managemententscheidungen berücksichtigen. Dabei dürfen Beteiligungsprozesse nicht am Ende stehen, um ein fertiges Projekt durchzusetzen, sondern am Anfang. Es geht nicht darum, dass man eine bunte Schleife um ein fertiges Paket macht, sondern es geht darum, den Inhalt des Pakets durch Beteiligungsprozesse mitzugestalten.

Haben Sie in der Studie herausgefunden, welche Formen der Beteiligung besonders gut bei den Bürgern ankommt?

Prof. Felix Krebber: Das lässt sich aus der Studie nicht direkt ableiten. Was uns überrascht hat ist, dass das Thema digitale Beteiligung nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Was sind die Gründe dafür?

Prof. Felix Krebber: Ich glaube, dass die Vor-Ort-Beteiligung und der persönliche Austausch nicht durch ein digitales Portal zu ersetzen ist. Was mir sinnvoll erscheint, ist beispielsweise, dass man mithilfe eines digitalen Tracking-Systems den Stand seiner eingebrachten Vorschläge auf Projekt-Webseiten nachverfolgen kann. Außerdem wäre eine Übersicht mit aktuellen Beteiligungsverfahren auf den Webseiten der Kommunen und Städte hilfreich. Welche Beteiligungsprojekte gibt es überhaupt?  Wo und in welchem Umfang können sich Bürger aktuell beteiligen? Diese Informationen müssen sich Bürger oft erst sehr mühsam zusammensuchen. In diesem Bereich eine stärkere Orientierung zu geben, wäre wünschenswert.

Baden-Württemberg ist Vorreiter in Sachen Bürgerbeteiligung. Was macht das Bundesland in dieser Hinsicht besser?

Prof. Felix Krebber: Die Landesregierung beschäftigt sich seit Jahren sehr intensiv mit dem Thema Bürgerbeteiligung. Seit dem „Stuttgart 21-Schock“ wurde sehr viel in diesem Themenfeld umgesetzt, dazu gehört beispielsweise, dass die Regierung einen Leitfaden für Bürgerbeteiligung herausgebracht hat. Insgesamt kommt Baden-Württemberg dem selbstgesetzten Ziel `Musterland für Beteiligung‘ zu sein, ein gutes Stück näher. Wenngleich man auch hier etwas Wasser in den Wein gießen muss, denn auch in Baden Württemberg gibt es noch einige Kritikpunkte. So besteht in punkto Frühzeitigkeit der Einbeziehung der Bürger oder der Ergebnisoffenheit noch Verbesserungsbedarf.

Prof. Felix Krebber

Prof. Felix Krebber

Dr. Felix Krebber ist seit 1. März 2018 Professor für Unternehmenskommunikation an der Business School der Hochschule Pforzheim. Forschungsschwerpunkt sind Fragen gesellschaftlicher Akzeptanz unternehmerischen Handelns im Kontext der Unternehmenskommunikation.

Nachgehakt: 7 Fragen an Felix Krebber

Mit welcher Persönlichkeit würden Sie gerne einmal debattieren und worüber?

Bei der Leipziger Buchmesse habe ich einmal Claus Leggewie gehört, der über sein Buch „Die Konsultative“ gesprochen hat. Das finde ich sehr spannend. Ich würde gerne von ihm wissen, wie die nächsten Schritte aussehen, um das Konzept erweiterter Mitsprachemöglichkeiten von Bürgerinnen und Bürger umzusetzen.

Wie würden Sie Ihren Diskussionsstil beschreiben?

Dialogorientiert und respektvoll.

Was machen Sie am liebsten nach einer anstrengenden Diskussion?

Ich erinnere mich gar nicht an so anstrengende Diskussionen. Mir macht Diskutieren meistens Spaß.

Ergänzen Sie bitte diesen Satz: " In Diskussionen kann ich überhaupt nicht leiden,.."

… wenn Gesprächspartner nicht zuhören und auf ihren Punkten beharren, ohne über das nachzudenken, was andere beitragen.

Wer ist Ihr Vorbild im Debattieren?

Da habe ich keines. Ich versuche meinen eigenen Stil in Debatten zu finden. Da muss ich niemanden kopieren.

Wer hat Sie in einer Debatte besonders überrascht?

Norbert Lammert als derjenige, der im Bundestag den Rahmen für Debatten geschaffen hat. Ihm ist es gelungen, eine Debattenkultur mit Ernsthaftigkeit, Würde des Parlaments, aber vor allem mit Humor zu begleiten. Das hat Leichtigkeit in oft schwierige Debatten gebracht.

Welche(r) TV-Moderatorin/ TV-Moderator überzeugt Dich in Debatten am meisten? Sandra Maischberger, Tilo Jung (Jung & Naiv), Michel Friedman oder Anne Will?

Bei Tilo Jung finde ich den Grundansatz des Fragestellens sehr spannend. Bei den Fernseh-Debatten besteht das Problem, dass vorgefertigte Rollen besetzt werden und die Ergebnisse daher sehr vorhersehbar sind. Das ist auch der Grund, warum ich mir seit Jahren keine dieser Talkshows angeschaut habe.

Photos: Bild von Felix Krebber Privat, Beitragsbild: Marcos Luis Photograph via unplash.com