Wir meinen, verurteilen, bewerten, empören und erwarten dabei stets, dass andere unsere Meinung annehmen, sind aber selbst nicht immer bereit, uns von einer neuen Sichtweise Überzeugen zu lassen. Diese Diskrepanz wird in einer Gesellschaft unweigerlich zu tiefen Gräben führen, wenn wir nicht beginnen, unsere Debattenkultur pflegen.

Im September dieses Jahres hielt Angela Merkel einen Vortrag vor der Konrad-Adenauer-Stiftung zum Thema Debattenkultur. Ihrer Meinung zufolge benötigen wir als Gesellschaft einen respektvolleren Umgang – insbesondere in sozialen Netzwerken. Zwar sind unterschiedliche Meinungen die Voraussetzung für Debatten, denn Demokratie funktioniert nur mit dieser Königsdisziplin. Aber beim Debattieren geht es nicht nur primär um den Austausch unterschiedlicher Ansichten, sondern um einen argumentativen Wettstreit. Ohne das Bestreben nach sinnhaften Begründungen fehlen wichtige Triebkräfte für Fortschritt. Sich lediglich in eine Blase der Gleichgesinntheit zu begeben, keine anderen Argumente zuzulassen und nicht zuzuhören, gefährde laut Merkel die Demokratie. Vielmehr ist es eine verbale und respektvolle Reibung, die Neues erzeugt und eine Demokratie davor bewahrt, in Totalität zu driften oder wie Heraklit sagte: „Der Streit ist der Vater aller Dinge“.

Ich, Die, Wir

Wir sind in der Moderne angelangt; das Individuum hat einen hohen Stellenwert. Aber möglicherweise wurde, während wir das Individuelle auf einen Thron gehoben haben, aus den Augen verloren, dass wir alle Teil einer Gesellschaft sind. Und ja, soziale Netzwerke tragen dazu nicht geringfügig bei. Liest man sich Kommentare auf Twitter oder Facebook durch, findet sich viel Aufregung, stellenweise Hysterie. Offensichtlich besteht ein Interesse an vielen Themen und daran, sich zu beteiligen. Allerdings muss sich eine Gesellschaft auf Regeln einigen – wie bei einer Debatte. Sicher, es ist komfortabler, eine Ansicht in den Raum zu stellen, ohne auf Feedback oder gegenteilige Meinungen einzugehen. Aber das ist nicht zielführend.

Beziehungskrise mit der Demokratie

Wie schon gesagt: Es scheint beängstigend, andere Meinungen anzuhören, da sie möglicherweise das eigene Weltbild verwirren. Aber eine Veränderung entsteht nicht dadurch, dass man nur etwas in die Welt wirft, ohne gleichzeitig auch etwas anzunehmen. Und das ist es doch, was so viele wollen: Dass sich etwas ändert. Dafür müssen wir in einen Diskurs treten, was wiederum bedeutet, dass wir uns verletzlich machen, offen sein und unsere eigenen Ansichten hinterfragen sollten. Wir müssen aufhören, nur aneinander vorbei zu reden. Lasst uns streiten! Aber konstruktiv und immer mit der Prämisse, den Respekt zu wahren.

Aktuell befinden wir uns in einer Beziehungskrise mit der Demokratie. Wir allein entscheiden, ob wir das wieder hinbekommen, oder wir uns von ihr trennen. Da Trennungsschmerz äußerst unangenehm ist, schlage ich vor, wir nehmen besser den Schmerz des Hinterfragens und der möglichen Erkenntnis hin, dass man vielleicht einmal mit seiner Meinung falsch liegt.

Regeln statt Emotionen

Wenn Streit der Vater aller Dinge ist, dann auch der Demokratie und diese wiederum kann womöglich als Mutter der Gesellschaft betrachtet werden. Somit gilt es, die Gesellschaft durch Auseinandersetzungen zu erhalten. Da sich diese entzweien wird, wenn sich ihre Mitglieder weiterhin Meinungen an den Kopf werfen, anstatt konstruktiv zu streiten, hier eine Handlungsempfehlung. Seien Sie achtsam. Für Privatpersonen wie Politiker*innen gilt: Empathischer, respektvoller Umgang gepaart mit gründlichem Lesen, sachlicher Kritik und einer guten Begründung des eigenen Standpunkts führt mit großer Wahrscheinlichkeit zu einer fruchtbaren Debatte.

<a href="https://blog.debatoo.com/author/debatoo_elisa/" target="_self">Elisa Reinlein-Mertens</a>

Elisa Reinlein-Mertens

Elisa Reinlein-Mertens hat ihren Bachelor-Abschluss in Philosophie, Politik & Ökonomik an der Universität Witten/Herdecke absolviert. Aktuell studiert sie Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste Berlin. Sie ist Social Media Manager bei Debatoo.