Eine Grundthese zur aktuellen Debattenkultur ist, dass gegenwärtig eine starke Polarisierung stattfindet. Jegliche Themen die täglich in klassischen oder sozialen Medien diskutiert werden, erhalten dadurch eine bipolare Struktur und zwingen Diskussionsteilnehmer, Position für die eine oder andere Seite zu beziehen. 

Die wahrgenommenen Lager kennt jeder: auf der einen Seite die Rechten, Identitären, sogenannte Patrioten – oft Anhänger der AfD – die sich gemäß des eigenen Selbstverständnisses oft auch als ‘Bürgerliche’ oder ‘Konservative’ definieren. Auf der anderen Seite die so genannten Gutmenschen, Liberale, Linken und im eigenen Verständnis Demokraten. Auch wenn sich viele Menschen selbst nicht klar einem Lager zuordnen möchten – zum Beispiel, weil ihr eigenes Weltbild differenzierter ist – sind sie oft einem kommunikativen Druck ausgesetzt, sich zum einen oder anderen Lager zu bekennen.

Es fehlt die grundsätzliche Akzeptanz der gegnerischen Position

Dieser Konflikt bestimmt daher die Kommunikation selbst, aber auch die kommunikative Identität aller Beteiligten. Die Wahrnehmung vieler ist derzeit, dass sie je nach vorgebrachtem Argument unmittelbar in die eine oder andere „politische Ecke“ gestellt und damit einem Lager direkt zugeordnet werden. Deutlich wird das zum Beispiel seit längerem an der laufenden Klimadebatte: Während die eine der anderen Seite prinzipielle Unbelehrbarkeit unterstellt (Stichwort „Klimaleugner“), streitet die als “unbelehrbar” eingestufte Gruppe die Relevanz des Themas grundsätzlich ab (Stichwort „Klimahysterie“). So fehlt die grundsätzliche Akzeptanz der gegnerischen Position und in der Folge damit auch die Grundlage für eine konstruktive Debatte.

Die Polarisierung nimmt zu

Ein Zeichen für Polarisierung – also eine wertende Aufladung jeglicher Diskussionen im Netz – ist die Verteilung der Tonalität. Tonalität ist ein System zur Klassifizierung von Aussagen in “positiv”, “negativ” und “neutral”. Die Software von Ubermetrics erkennt mithilfe von künstlicher Intelligenz automatisch die Tonalität eines jeden Diskussionsbeitrages und unterscheidet dabei neutrale, ambivalente sowie polarisierende, wertende Aussagen. Ein gutes Beispiel sind Diskussionen zu politischen Themen in Deutschland. Hier beobachtet Ubermetrics das Geschehen bereits seit dem Jahr 2011 und sammelt seitdem relevante Daten. 

Wie wertend sind Aussagen im Netz?

Eine Analyse der Daten zeigt folgendes: So waren von allen zur Bundestagswahl 2017 (#btw17) gemachten Aussagen 60% entweder neutral oder ambivalent und weniger als 40% positiv oder negativ wertend. Sprung in den Sommer 2019: Dieses Verhältnis hat sich deutlich in Richtung 50/50 verschoben: Heute sind fast die Hälfte der zu aktuellen politischen Themen gesammelten Aussagen einseitig wertend. Unter Beachtung des breiten Spektrums der betrachteten Themen bei rund 1,6 Millionen Erwähnungen pro Monat, ist das eine signifikante Verschiebung.

Diese zunehmende Polarisierung wird deutlich an der Diskussion zum Thema Meinungsfreiheit, die spätestens seit der Debatte um die Podiumsdiskussion in Stralsund mehr Aufmerksamkeit erfahren hat. 

Mithilfe der Ubermetrics-Technologie lässt sich diese Diskussion schnell einordnen und die prägenden Themen identifizieren:

  • Erwähnungen des Stichworts “Meinung”: Für das sogenannte rechte Lager fühlt sich eine Unterrepräsentation ihrer Meinung bereits als Beschneidung der Meinungsfreiheit an. Meinungsfreiheit wird in verschiedene thematische Richtungen überdehnt und damit zum Kampfbegriff. Das geht in Teilen sogar soweit, dass das Thema Datenschutz im Umfeld von Einschulungsfeiern in den Diskurs integriert wird.
  • Erwähnungen des Stichworts “Demokratie”: Das Wort ist eng mit Meinungsfreiheit verbunden, so dass wahrgenommene Angriffe auf die Meinungsfreiheit auch sehr häufig als Angriff auf die Demokratie verstanden werden. Dies zeigte sich ganz klar in der Debatte um den ehemaligen Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz Hans-Georg Maaßen und seine Position in der CDU. Sein möglicher Ausschluss von der Partei wird als Beweis für die Beschneidung der Meinungsfreiheit interpretiert – ungeachtet der Tatsache, dass eine Partei nicht alle Meinungen integrieren muss.
  • Erwähnungen des Stichworts “AfD”: Entsprechend häufig kommt die AfD in diesem politischen Diskussionskontext vor – insbesondere durch eine proaktive Kommunikation des Begriffs “AfD”.
  • Erwähnungen des Stichworts “Facebook”: Dieses Stichwort ist von ausschlaggebender Bedeutung für die Meinungsbildung. Viele Nutzer nehmen die Plattform als einzige Plattform wahr, die sie außerhalb des Medien-Mainstreams nutzen können. Die inhaltliche Polarisierung führt also auch zu einer Polarisierung gängiger Kommunikationskanäle, was einen produktiven, politischen Meinungsaustausch insgesamt nicht fördert.
  • Erwähnungen des Stichworts „Gewalt”: Dieser Begriff wird zum Beispiel vom sogenannten linken Lager in die Debatte getragen. Oftmals verbunden mit dem Argument, dass viele der Aussagen, die von der anderen Seite unter dem Schutz der Meinungsfreiheit gemacht werden, nicht nur kommunikativ aggressiv sind, sondern auch reale Gewalt provozieren.
  • Erwähnungen des Stichworts „Kampf”: Die Kommunikation beider Seiten ist durch Kampfbegriffe, zum Beispiel „Kampf gegen rechts“, „Kampf für Meinungsfreiheit“, „dem Hass den Kampf“ oder „Kampf gegen Klimawandel“, geprägt. Gerade hier wird der Trend zur Polarisierung deutlich, denn die Ausdrucksweisen zeigen, wie stark die Debatte als bipolar und fortgeschrittener Konflikt gesehen wird. In der Folge geht es in der Diskussion nicht mehr um Überzeugung, sondern um Dominanz.
  • Dies wird deutlich, wenn wir diesen Themen eher argumentative Begriffe wie „Diskussion“, „Argument” oder „Austausch“ entgegensetzen.  Alle drei Begriffe sind in der Diskussion deutlich unterrepräsentiert.

Die politische Debatte wird zunehmend polarisiert

Die Daten zeigen also insgesamt aktuell eine sehr hohe und weiterwachsende Polarisierung politischer Debatten. Diese aufzulösen ist eine Herausforderung für alle Beteiligten, da die Zuordnung von Aussagen und Sprechern in Lager (rechts oder links) quasi zum Automatismus geworden ist und in der Folge produktive Diskussionen politischer Themen deutlich schwieriger macht.

Aber es gibt auch interessante Ansätze, diese Gräben zu überbrücken. Ein Beispiel ist etwa das neue Ressort „Streit“ der Zeit, das versucht diese Lager in konstruktiven Debatten zusammenzubringen. Ein anderer Ansatz ist die Software von Debatoo, die versucht Online-Debatten zu strukturieren und zu moderieren. Ein vielversprechender Ansatz, da ein Großteil der politischen Diskussion heute im Netz stattfindet.

Hintergrund: Ubermetrics hat insgesamt 105 Millionen Erwähnungen zum Thema „Politik“, „Meinungsfreiheit“ und verwandten Themen im deutschsprachigen Netz in der Zeit vom 01. Januar 2017 bis August 2019 gesammelt und analysiert.

Benjamin Tietz

Benjamin Tietz

Benjamin Tietz leitet das Customer Success Team bei Ubermetrics. Sein Ziel ist es allen Kunden die optimale Nutzung des Content Intelligence-Tools von Ubermetrics zu ermöglichen. Er hat mit Unternehmen wie BMW, AXA, Daimler und HDI erfolgreich Projekte in den Bereichen digitale PR, Content Marketing und Market Intelligence umgesetzt.
Zuvor hat er Politik und Kommunikation studiert und bei Prime Research als Medienanalyst große deutsche Marken betreut.

Nachgehakt: 7 Fragen an Benjamin Tietz

Mit welcher Persönlichkeit würden Sie gerne einmal debattieren und worüber?

Mit Verkehrsminister Andreas Scheuer über die notwendige Mobilitätswende.

Wie würden Sie Ihren Diskussionsstil beschreiben?

Eher vermittelnd bzw. lösungsorientiert.

Was machen Sie am liebsten nach einer anstrengenden Diskussion?

Intensive Diskussionen sind ja oft die produktivsten. Am liebsten nehme ich mir danach kurz Zeit zur Reflektion.

Ergänzen Sie bitte diesen Satz: " In Diskussionen kann ich überhaupt nicht leiden,.."

In guten Diskussionen redet man miteinander. In schlechten Diskussionen redet man nebeneinander.

Wer ist Ihr Vorbild im Debattieren?

Definitiv Noam Chomsky – seine Kombination von Rhetorik, Kompetenz und Wissen ist für mich persönlich unerreicht

Wer hat Sie in einer Debatte besonders überrascht?

Was mich generell immer wieder überrascht ist wie unabhängig rhetorische Kompetenz von inhaltlicher Kompetenz sein kann – siehe etwa Boris Johnson. In der Wahrnehmung sehr stark und somit sehr erfolgreich, gerade im Erreichen persönlicher Karriereziele. Auf der anderen Seite aber ohne inhaltliche Kompetenz, langfristig also in der Sache nicht zielführend oder glaubwürdig

Welche(r) TV-Moderatorin/ TV-Moderator überzeugt Dich in Debatten am meisten? Sandra Maischberger, Tilo Jung (Jung & Naiv), Michel Friedman oder Anne Will?

Anne Will – ihr ruhiger, aber inhaltlich extrem pointierter Stil imponiert mir immer wieder.

Photos: Ubermetrics & Benjamin Tietz. Beitragsbild von Miguel Henriques via unplash.