„Er ist seit frühster Kindheit an den Rollstuhl gefesselt“ oder „Tapfer meistert sie ihr Schicksal in absoluter Dunkelheit“: Die Berichterstattung über behinderte Menschen ist immer noch von vielen Klischees und bedeutungsschweren Phrasen geprägt.  Auch als Diskussionspartner werden sie oft nicht als gleichwertig wahrgenommen. Woran das liegt und wie man eine barrierefreie Sprache erreichen kann, erklärt Jonas Karpa. Der Medien- und Musikwissenschaftler arbeitet für Leidmedien.de. Das Projekt Leidmedien.de der Sozialhelden wurde 2012 zu den Paralympics in London gegründet, um Journalistinnen und Journalisten Tipps für eine Berichterstattung über behinderte Menschen auf Augenhöhe zu geben. 

Welches Ziel verfolgen Sie mit dem Projekt Leidmedien.de?

Jonas Karpa: Das Team von Leidmedien besteht aus Medienschaffenden mit und ohne Behinderungen. Gemeinsam setzen wir uns für eine klischeefreie Berichterstattung ein. Unser Motto lautet dabei nicht ohne uns über uns. Auf unserer Webseite haben wir beispielsweise Begriffe zusammengestellt, die man in einer Berichterstattung über Menschen mit Behinderungen verwenden sollte und welche Begrifflichkeiten man vermeiden sollte. Außerdem bieten wir Workshops für Journalisten an. Dort tauschen wir uns mit betroffenen Experten und Expertinnen aus und zeigen Formulierungsalternativen und Perspektivwechsel in der Berichterstattung auf. Auf diese Weise möchten wir Berührungsängste und Unsicherheiten abbauen und die Begegnung von Menschen mit und ohne Behinderung erleichtern.

Wie wird das Thema Menschen mit Behinderung in den Medien dargestellt und diskutiert?

Jonas Karpa: Wenn über Menschen mit Behinderung gesprochen oder geschrieben wird, dann gibt es häufig zwei Standardgeschichten, die immer wieder rausgeholt werden. Entweder wird der Mensch mit Behinderung als armes, „leidendes Opfer“ oder völlig überhöht als „Held des Alltags“ dargestellt. Viele Menschen kommen mit ihrer Behinderung im Alltag sehr gut zurecht. Durch die Berichterstattung wird jedoch das vermeintlich „schwere Schicksal“, dass überwunden werden muss, in den Vordergrund gestellt. Dadurch verstärkt sich das verbreitete Bild von Behinderung als etwas schweres, bemitleidendes in der Öffentlichkeit und schafft Vorurteile und Berührungsängste. Diese Sichtweise möchten wir durch unsere Arbeit ändern.

Es gehört zum Beruf von Medienschaffenden dazu, mit den unterschiedlichsten Menschen zu sprechen. Warum fällt es Journalisten dennoch schwer, mit behinderten Menschen in Kontakt zu treten?

Jonas Karpa: Jeder zehnte Mensch in Deutschland hat in irgendeiner Art und Weise eine Behinderung. Trotzdem gibt es nur wenig Berührungspunkte zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen. Ein Grund dafür ist, dass viele Menschen mit Behinderungen in Sondereinrichtungen untergebracht sind, zum Beispiel in Sonderschulen, Wohnheimen oder Werkstätten. Dadurch entstehen unterschiedliche Lebenswelten. Das führt dazu, dass Unsicherheiten entstehen, und man nicht weiß, wie man auf einen behinderten Menschen zugeht und wie man über ihn berichtet.

Welche Begriffe über Behinderungen sollte man vermeiden?

Jonas Karpa: Generell sollte immer der Mensch im Vordergrund stehen. Also sollte es ein „Mensch mit Behinderung“ oder „der behinderte Mensch“, aber nicht der oder die „Behinderte“ heißen. Dadurch wird diese Person nur auf ein Merkmal reduziert. Eine Behinderung ist aber nur ein kleiner Teilaspekt eines Menschen.  „An den Rollstuhl gefesselt“ ist ebenfalls ein Klassiker. Dieser Ausdruck ist sehr negativ behaftet. Ein Rollstuhl bietet einem behinderten Menschen die Möglichkeit, sich selbstständig fortzubewegen, er wird dadurch nicht seiner Freiheit „beraubt“. Besser ist es zu schreiben,  dass die Person im Rollstuhl unterwegs ist. Oder die Person XY sitzt, benutzt oder fährt Rollstuhl oder ist auf den Rollstuhl angewiesen. Das wichtigste bleibt der persönliche Austausch, um Selbstbezeichnungen zu erfragen und diese auch zu akzeptieren.

Werden Menschen mit Behinderungen in öffentlichen Debatten als Experten herangezogen oder gibt es auch hier Berührungsängste?

Jonas Karpa: Oft werden Menschen mit Behinderung zu Diskussionsrunden eingeladen, wenn es auch um das Thema Inklusion und Behinderung geht. Das heißt, ein Diplom-Meteorologe, der im Rollstuhl unterwegs ist, wird also eher wegen seiner Behinderung eingeladen, als über das Wetter zu reden. Auch in Fernsehsendungen werden reihenweise Experten eingeladen. Menschen mit Behinderungen, die über das gleiche Fachwissen wie ihre nichtbehinderten Kollegen verfügen, sind viel zu selten dabei.  Es wäre deshalb wünschenswert, wenn die Sichtbarkeit von behinderten Menschen in der Öffentlichkeit erhöht wird.

Wie wird in den sozialen Netzwerken mit diesem Thema umgegangen?

Jonas Karpa: Durch die sozialen Medien gibt es eine viel größere Chance, dass Menschen mit Behinderung sich selbstbestimmt äußern können. Dabei können Menschen ohne Behinderung aufgeklärt werden und sich mit ihnen verbünden. Sie haben auch die Pflicht, Minderheiten zuzuhören. Allerdings sollte dies nicht dazu führen, dass behinderte Menschen dauernd kostenlose Bildungsarbeit in Sachen Inklusion machen.

Diskutieren nichtbehinderte Menschen mit behinderten Menschen vorsichtiger? Verzichten sie automatisch aus falsch verstandener Rücksichtnahme auf Wortgefechte?  

Jonas Karpa: Bei einer Diskussion oder einem Gespräch geht es vor allem um einen respektvollen Umgang. Wir haben häufig die Erfahrung gemacht, dass Menschen mit Behinderung, egal wie alt sie sind, erst einmal geduzt werden. Das ist gerade bei sichtbaren Behinderungen der Fall. Es wird dann zunächst die „hilflose“ Person im Rollstuhl gesehen, um die man sich kümmern muss und die bedauert wird. Durch dieses unangemessene Verhalten wird oft die eigene Unsicherheit überspielt. Doch die Menschen mit Behinderungen wollen gerade nicht anders behandelt werden. Wenn sie sich auf eine Diskussion zu einem bestimmten Thema einlassen, dann geht es eben auch nur darum. Sein Gegenüber aus „Mitleid“ verbal zu schonen, ist also absolut nicht angebracht.

Jonas Karpa

Jonas Karpa

Jonas Karpa hat in Paderborn und Detmold Medienwissenschaften und Musikwissenschaften studiert. Während seiner Studienzeit war er in verschiedenen Hörfunk- und TV-Redaktionen tätig. Inzwischen lebt und arbeitet Jonas Karpa in Berlin und unterstützt das Team von Leidmedien.de. als Redakteur.

Nachgehakt: 7 Fragen an Jonas Karpa

Mit welcher Persönlichkeit würden Sie gerne einmal debattieren und worüber?

Mit Helmut Schmidt hätte ich mich gerne einmal über das aktuelle politische Geschehen in der Welt ausgetauscht. Auch Roger Willemsen wäre bestimmt ein spannender Diskussionspartner gewesen. 

Wie würden Sie Ihren Diskussionsstil beschreiben?

Zunächst zurückhaltend, beobachtend und nicht aggressiv vorpreschend und dann fundiert seine Meinung vortragend.

Was machen Sie am liebsten nach einer anstrengenden Diskussion?

Erst einmal zur Ruhe kommen. Sei es beim Musikhören, eine Runde um den Block laufen oder bei einem Feierabendbier.

Ergänzen Sie bitte diesen Satz: " In Diskussionen kann ich überhaupt nicht leiden,.."

…wenn alles durcheinander läuft und man es nicht zulässt, sich von anderen Argumenten überzeugen zu lassen.

Wer ist Ihr Vorbild im Debattieren?

Ich habe in dieser Hinsicht keine besonderen Vorbilder.

Wer hat Sie in einer Debatte besonders überrascht?

Wenn man sich von vornherein ein festes Bild über einen Menschen gemacht hat und dieser dann in einer Diskussion ganz anders reagiert und eine völlig andere Sicht der Dinge äußert, als erwartet.

Welche(r) TV-Moderatorin/ TV-Moderator überzeugt Dich in Debatten am meisten? Sandra Maischberger, Tilo Jung (Jung & Naiv), Michel Friedman oder Anne Will?

Auf jeden Fall Tilo Jung. Bei diesem Format gibt es die 1:1 Diskussion. Dadurch, dass es im Internet stattfindet, ist man nicht so zeitgebunden. In TV-Talkshows ist es oft so, dass die Sendezeit gerade dann vorbei ist, wenn es spannend wird. An Anne Will schätze ich die ruhige, gelassene Art, die dennoch bestimmend ist.

Photos: Bild von Jonas Karpa, Privat. Beitragsbild von Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de, Beitragsbild am 30.10.2019 geändert.