Soziale Medien sind ein wichtiges Instrument, um Diskussionen und Debatten zu führen. Jeder hat die Chance, sich rund um die Uhr und über alle Grenzen hinweg daran zu beteiligen. Doch gerade wenn es um brisante poltische Themen geht, bleiben Wortgefechte nicht aus. Wie geht man mit beleidigenden Reaktionen um und wann ist es ratsam, sich für einen Tweet zu entschuldigen? Axel Wallrabenstein,  Chairman der Publicis-Tochter MSL Group Germany und Experte für Public Affairs verrät im Interview Tipps, Tricks und Tücken im Umgang mit sozialen Medien.

Welcher Social Media Kanal eignet sich am besten, um eine Debatte zu führen?

Axel Wallrabenstein: Für mich persönlich ist Twitter einer der wichtigsten Social Media Kanäle. Sehr viele Politiker, Journalisten, Verbände und Institutionen sind dort vertreten. Da man über diesen Kanal eine große Anzahl an gesellschaftspolitischen Multiplikatoren erreichen kann, ist es die interessanteste Plattform, um eine Diskussion oder eine Debatte in Gang zu setzen.

Was ist der Unterschied zu Instagram und Facebook?

Axel Wallrabenstein: Instagram und Facebook sprechen andere Zielgruppen an. Diskussionen über weltpolitische Themen stehen auf diesen Plattformen nicht im Vordergrund. Bei Instagram geht es vor allem um die Präsentation schöner Bilder und Lebenswelten. Insgesamt ist der Ton zwischen den Teilnehmern nett und flauschig. Facebook ist für die ältere Zielgruppe, zu der auch ich gehöre, noch wichtiger als Instagram. Dieses Netzwerk eignet sich besonders, um mit alten Freunden oder ehemaligen Schul- oder Studienkollegen in Verbindung zu bleiben. Alle Social Media Kanäle haben damit ihre eigene, wichtige Berechtigung. 

Worauf sollte man achten, wenn man sich auf Twitter zu politischen Themen äußert?

Axel Wallrabenstein: Wenn ich mich in sozialen Medien bewege, dann habe ich etwas mitzuteilen. Was für eine Botschaft möchte ich verbreiten? Welcher Social Media Kanal eignet sich dafür? Welche Zielgruppe soll erreicht werden? Diese Fragen muss man sich im Vorfeld stellen. Wer sich auf Twitter zu einem politischen Thema äußert, muss wissen, dass die Diskussionen zum Teil sehr aggressiv geführt werden. Nicht selten kommt es vor, dass Leute beleidigt und beschimpft werden. Diejenigen, die wenig Erfahrung im Umgang mit sozialen Medien haben, sollten sich sorgfältig in die Gepflogenheiten einarbeiten. Zum Beispiel sollte man testen, wie bestimmte Botschaften ankommen.

Wie reagiert man, wenn man negative Reaktionen auf einen Tweet erntet?

Axel Wallrabenstein: Jeder, der auf Twitter streitige Debatten führen möchte, wird irgendwann einmal einen so genannten Shitstorm erleben. Das ist nicht schön, aber diese Erfahrung gehört dazu, um zu verstehen, wie man Dinge in Zukunft besser kommunizieren kann. In Online-Debatten herrscht oft großes Gebrüll. Vielen geht es nur darum, eine möglichst hohe Aufmerksamkeit und viele Klicks zu erzielen. Zieht man durch einen Tweet den Unmut der anderen auf sich, sollte man eine gewisse Ruhe und Gelassenheit bewahren und nicht alles, was online geäußert wird, auf die Goldwaage legen.

Welche Dinge gilt es bei der Beteiligung an einer Online-Debatte zu vermeiden?

Axel Wallrabenstein: Online-Debatten werden permanent geführt. 24 Stunden lang, sieben Tage die Woche. Sie erreichen Menschen auf der ganzen Welt. Deshalb würde ich gar auf keinen Fall abends einen Tweet ins Netz stellen, der die Leute in Aufruhr bringen könnte. Ich müsste dann die ganze Nacht mit aufgebrachten Reaktionen rechnen, auf die ich dann entsprechend reagieren müsste. Es hat auch keinen Sinn, in einer Teilnehmerrunde, die eine fest eingefahrene Meinung hat, um jeden Preis dagegen steuern zu wollen, mit dem Ziel die Diskussion neu zu entfachen. Das bewirkt das Gegenteil von dem, was man eigentlich erreichen will: Nämlich eine sachliche Diskussion führen zu wollen.

Sollte man sich für einen Tweet entschuldigen, der online für Unmut gesorgt hat?

Axel Wallrabenstein: Das ist wie in der Offline-Welt. Wenn merkt, dass man mit einem Tweet über das Ziel hinaus geschossen ist und die Dinge nicht richtig eingeordnet hat, ist eine Entschuldigung durchaus angebracht. Darauf gibt es dann in der Regel auch positives Feedback.

Wie können Debatten im Netz konstruktiver geführt werden?

Axel Wallrabenstein: Online erleben wir eine Debattenkultur, die zum Teil sehr unschön ist. Andere zu attackieren gehört leider inzwischen zum politischen Ton, den wir nicht nur Offline-, sondern vor allem auch Online erleben. Sich gegenseitig verbal fertigmachen zu wollen, darf nicht der Anspruch sein. Es ist wichtig, dass die Teilnehmer mehr aufeinander zugehen, einander zuhören und ihr Gegenüber, genau wie in der Offline-Kommunikation, mit Respekt behandeln. Der eigentliche Wert von sozialen Medien muss daher viel stärker in den Vordergrund treten.   

Welche Chancen ergeben sich durch die sozialen Medien?

Axel Wallrabenstein: Ob Twitter, Facebook oder Instagram – Die sozialen Medien machen es möglich, dass Menschen über Grenzen und Hierarchien hinweg miteinander ins Gespräch kommen. Dabei kommt es nicht darauf an, ob man am Ende zu einer gemeinsamen Lösung gelangt. Viel entscheidender ist es, sich mit den Ansichten und Argumenten anderer sachlich, fair und ohne Schaum vor dem Mund zu beschäftigen. Wenn sich jeder daran halten würde, könnten Diskussionen und Debatten sicherlich viel konstruktiver und ohne Hass und Häme geführt werden. Die Einführung von Ge- und Verboten wären dann gar nicht erst nicht notwendig.

Fällt es der jüngeren Generation leichter mit Kritik umzugehen, die in Online-Debatten geäußert wird?

Axel Wallrabenstein: Es ist sicherlich eine Generationenfrage. Das merken wir auch immer wieder in den Umfragen. Gerade wenn es um Regularien in den sozialen Medien geht, wird deutlich, dass eher die ältere Generation verbindliche Regeln einfordert. Die jüngere Generation hat einen selbstverständlicheren Umgang mit sozialen Medien, weil sie damit aufgewachsen ist und an die Nutzung gewöhnt ist. Von beiden Seiten gibt es aber eine große Bereitschaft, miteinander zu diskutieren, einander zuzuhören und voneinander zu lernen. Das ist eine gute Ausgangsbasis, um sachlich und ehrlich zu diskutieren.

Axel Wallrabenstein

Axel Wallrabenstein

Axel Wallrabenstein ist Mitgründer und Chairman der Publicis-Tochter MSL Group Germany. Public Affairs, Politische Kommunikation und Krisenkommunikation zählen zu seinen Beratungsschwerpunkten. Vor seiner Agenturtätigkeit war er Pressesprecher in der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Berlin sowie Pressesprecher im Innenministerium des Freistaates Sachsen.

Nachgehakt: 6 Fragen an Axel Wallrabenstein

Mit welcher Persönlichkeit würden Sie gerne einmal debattieren und worüber?

Mein Lieblingskünstler ist Neo Rauch. Ich würde ihn gerne einmal in seinem Atelier besuchen und mit ihm ein Gespräch über seine künstlerische Arbeit führen.

Wie würden Sie Ihren Diskussionsstil beschreiben?

Aggressiv konstruktiv.

Ergänzen Sie bitte diesen Satz: " In Diskussionen kann ich überhaupt nicht leiden,.."

…wenn sich die Gesprächsteilnehmer ständig ins Wort fallen und die Argumente anderer von vornherein ablehnen.

Wer ist Ihr Vorbild im Debattieren?

Da gibt es niemanden.

Wer hat Sie in einer Debatte besonders überrascht?

Wenn man sich von vornherein ein festes Bild über einen Menschen gemacht hat und dieser dann in einer Diskussion ganz anders reagiert und eine völlig andere Sicht der Dinge äußert, als erwartet.

Welche(r) TV-Moderatorin/ TV-Moderator überzeugt Dich in Debatten am meisten? Sandra Maischberger, Tilo Jung (Jung & Naiv), Michel Friedman oder Anne Will?

Keiner von ihnen!  Maybrit Illner ist die einzige TV-Moderatorin, die mich aufgrund ihrer sachlichen Art des Fragenstellens am ehesten überzeugt.

Photos: Bild von Axelwallrabenstein, Privat.  Beitragsbild von Tadeusz Lakota via unsplash.com.