Der DHV verabschiedete 2019 und 2017 Resolutionen zur Verteidigung der freien Debattenkultur an Universitäten. Die Anlässe dafür waren zum einen Presseberichterstattungen und Internetbeiträge über zwei Professoren, die öffentlich angefeindet wurden und denen man faschistoide und rassistische Tendenzen nachsagte. Zum anderen sorgten von Wissenschaftlern eingeladene Gastredner an zwei Universitäten für Proteste und Ausladungen sowie Finanzmittelstreichungen. In allen Fällen lagen laut DHV mittelbare Eingriffe in die Wissenschaft vor.

„Wir finden es wichtig, dass an Universitäten frei gesprochen werden kann. Jeder Redner soll die Möglichkeit erhalten, seine Position darzulegen, um sich anschließend der Kritik zu stellen“, sagt Dr. Matthias Jaroch im Interview mit Debatoo.

Ein Gespräch mit Dr. Matthias Jaroch, Pressesprecher des Deutschen Hochschulverbandes (DHV)

Welchen Stellenwert sollte Political Correctness in der Wissenschaft einnehmen?

Dr. Matthias Jaroch: Political Correctness ist der Versuch, durch die Vermeidung diskriminierenden Sprachgebrauchs respektvoll miteinander umzugehen. Das ist grundsätzlich begrüßenswert. Bedenklich wird es aber, wenn ihre Verfechter das, was sie für richtig erachten, absolut setzen. Dann ist für andere Sichtweisen oftmals kein Platz mehr und ein Diskurs unmöglich. An Universitäten müssen jedoch widersprechende Meinungen respektiert und ausgehalten werden. Differenzen zu Andersdenkenden sind im Diskurs auszutragen – nicht mit Boykott, Bashing oder Mobbing.

Darf an hiesigen Universitäten jeder noch seine Meinung frei äußern?

Dr. Matthias Jaroch: In der Regel ja, dennoch ist zu beobachten, dass die Toleranz gegenüber anderen Meinungen sinkt.  Für die Debattenkultur an Universitäten ist das nicht gut. Der DHV setzt sich daher dafür ein, dass hier jeder Wissenschaftler oder Gastredner seine Thesen und Ansichten zur Diskussion stellen kann.

Spitzt sich die Toleranzschwäche für andere Meinungen zukünftig weiter zu und woher kommt dies überhaupt? 

Dr. Matthias Jaroch: Die Verunsicherung durch Globalisierung, technologischen Wandel und Migration umfasst die gesamte Gesellschaft und ist auch an den Universitäten spürbar. Die Bereitschaft zur Toleranz gegenüber anderen Meinungen scheint in diesen bewegten Zeiten weiter abzunehmen. An die Stelle der geistigen tritt oftmals die sensibiltätsgesteuerte Auseinandersetzung. Das Erregungspotzenial wächst. Auf der einen Seite wird beispielsweise seitens der AfD die Gender- und Klimaforschung angefeindet und pauschal in Frage gestellt. Auf der anderen Seite dient einigen eher dem politisch linken Spektrum zuzuordnenden Kräften Political Correctness als Vehikel, um das Diskutieren anderer Meinungen zu verhindern.

Rechtfertigt eine andere Meinung eines Professors oder Gastredners einen verbalen Angriff, vor allem über soziale Medien?

Dr. Matthias Jaroch: Soziale Medien sind großartige Instrumente, um sich wissenschaftlich auszutauschen. Wer sie aber nutzt, um Andersdenkende auszugrenzen oder gar mundtot zu machen, gehört in die Schranken gewiesen.

Welche Debattier-Regeln sollten an deutschen Unis gelten?

Dr. Matthias Jaroch: Es bedarf keines großen Regelwerkes. Wichtig sind der Respekt vor dem Gegenüber, die Bereitschaft, Anderen zuzuhören sowie die Fähigkeit, Kritik zu üben und auszuhalten. Der Streit um das bessere Argument gehört zum Wesenskern der Universität. Die angemessene Antwort auf eine als einseitig empfundene Rede kann nur die kritische, pointierte Gegenrede sein, nicht der Debattenausschluss.

Wie steht es um die Debattenkultur an deutschen Unis im Vergleich zu anderen Ländern? 

Dr. Matthias Jaroch: Political Correctness ist vor allem im anglo-amerikanischen Raum verbreitet. Studentische Aktivisten kämpfen dort gegen „microaggressions“. Alltägliche Äußerungen, die als übergriffig wahrgenommen werden könnten, weil sie für andere Personen angeblich abwertende Botschaften enthalten. Sie verlangen von ihren Lehrenden „trigger warnings“. Warnhinweise, mit denen auf gegebenenfalls verstörende Lerninhalte vorab aufmerksam gemacht wird. Von derartigen Zuständen sind die Hochschulen in Deutschland einstweilen noch entfernt.

Erste alarmierende Anzeichen gibt es jedoch auch hierzulande, etwa wenn Wissenschaftler durch Proteste daran gehindert werden, in Universitäten aufzutreten oder ihre wissenschaftlichen Thesen vorzutragen. Universitäten sind Stätten geistiger Auseinandersetzung. Die Suche nach Wahrheit setzt den kontroversen Diskurs voraus. Für Komfortzonen gibt es keinen Platz. Wer eine Universität betritt, muss bereit sein, mit Vorstellungen konfrontiert zu werden, die dem persönlichen Weltbild zuwiderlaufen, und in der Lage sein, sich mit ihnen sachlich auseinanderzusetzen.

Ohne Freiheit ist Wissenschaft keine Wissenschaft – richtig oder falsch? 

Dr. Matthias Jaroch: Das ist richtig. Universitäten brauchen Freiheit, um Neues entdecken zu können. Oder, wie es schon im Vorspann zur Fernsehserie ‚Raumschiff Enterprise‘ hieß, in Welten vorzustoßen, die kein Mensch zuvor je gesehen hat. Hochschulen sollen zudem gesellschaftliche Debatten anstoßen und strukturieren. Freiheit ist dafür elementar, hat aber auch ihre Grenzen: Die Grenzen zieht unsere Rechtsordnung: Das Grundgesetz bindet die Freiheit von Forschung und Lehre an die Treue zur Verfassung. Darüberhinausgehende Denk- oder Sprechverbote kennt es nicht.

Laut Studie „Das freie Wort unter Druck“ sind 75 Prozent aller Befragten besorgt über die derzeitige Situation der freien Meinungsäußerung in Deutschland. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Dr. Matthias Jaroch: Eine aktuelle Allensbach-Umfrage kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Bei Allensbach äußern fast zwei Drittel der Befragten, dass man im öffentlichen Raum ‚sehr aufpassen‘ müsse, was man sagt. Dieses Unwohlsein muss man sehr ernst nehmen. Von der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung können sich Universitäten nicht abkoppeln.

Welche Buzzwords lösen die Meinungskämpfe vorwiegend aus?

Dr. Matthias Jaroch: Wenn man den vorliegenden Studien folgt, sind es vor allem Gender-Themen, der Islam und der Rechtsextremismus.

 

Foto von Matthias Jaroch: Till Eitel /Deutscher Hochschulverband

Foto von Star Trek: Stefan Cosma on Unsplash