“Die Toleranz gegenüber anderen Meinungen sinkt. Das hat auch Auswirkungen auf die Debattenkultur an Universitäten“, schreibt der Deutsche Hochschulverband (DHV) in einer kürzlich veröffentlichten Resolution. Was war dem Aufruf des DHV, der über 32.000 Wissenschaftler vertritt, vorangegangen?

Gegen Susanne Schröter war eine Hetzkampagne in den sozialen Medien gestartet worden. Hintergrund: Die Ethnologie-Professorin an der Goethe-Universität in Frankfurt wollte eine Konferenz zum Thema „Das islamische Kopftuch – Symbol der Würde oder der Unterdrückung?“ veranstalten . Als „antimuslimische Rassistin“ wurde sie im Netz bezeichnet. Einige Anfeinder forderten sogar, dass sie ihre Professur verlieren und die Forschung zum Islam einstellen sollte.

Dem Berliner Professor Jörg Baberowski war 2016 Ähnliches an der Universität Bremen widerfahren. Dort durfte der Osteuropahistoriker und Gewaltforscher kein Referat halten, weil ihm der AStA „rechtsradikale Positionen im politischen Streit um migrationspolitische Fragen“ vorwarf. Auch an der Berliner Humboldt Universität wird er immer wieder als „brauner Professor“ dargestellt. „Professorenkollegen meiden es, sich mit mir sehen zu lassen“, sagt er in einem Gespräch mit dem Politikmagazin „Cicero“.

Stimmungsmache und Hetzkampagnen

Dem Siegener Philosophieprofessor Dieter Schönecker wurden die Universitätsmittel für ein Seminar gestrichen, weil er Thilo Sarrazin und Marc Jongen zu einer Diskussion über Meinungsfreiheit einladen wollte. Nicht, weil er sich ihnen politisch nahe fühle, sondern weil sich seine Studenten an diesen rhetorischen Schwerkalibern ausprobieren sollten. Der Rektor der Universität distanzierte sich von diesem Vorhaben. Die Einbindung von Jongen und Sarrazin, hieß es in einer Stellungnahme, enthalte unweigerlich eine politische Botschaft, die gegen die Grundwerte der Universität Siegen verstoße. 

Kann an den deutschen Universitäten nicht mehr offen diskutiert werden? Wird Political Correctness von Universitätsangehörigen so radikal ausgelegt, dass die Wissenschaftsfreiheit darunter leidet? Darf an Universitäten nur noch in eine Richtung gedacht werden?

Die akademische Selbstzerstörung

Welcher Professor auch immer die Begriffe Islam, Antirassismus, Antifaschismus oder Gender in den Mund nehme, „würde sofort wissen, auf welcher Seite er zu stehen hat“, wird Konrad Paul Liessmann in der Titelgeschichte des Cicero zitiert. „Wenn ich genau weiß, was das Gute ist, hat der andere nur noch die Möglichkeit, sich dazu zu bekennen. Entweder er wird bekehrt, oder er wird ausgeschlossen“, erklärt der Wiener Philosoph.

„Es wäre gut, wenn in diesem Bereich nicht ständig mit so diffusen Begriffen wie ‚Rassismus‘ operiert würde, sondern mit Begriffen, die uns die Rechtsordnung vorgibt“, fordert DHV-Präsident Bernhard Kempen. Selbstverständlich gibt es für ihn Grenzen für Meinungsfreiheit, zum Beispiel wenn es um Volksverhetzung geht, aber die seien juristisch sehr klar gefasst, so der Staatsrechtsprofessor an der Universität zu Köln weiter.

Mathias Brodkorb (SPD) hält diese selbstzerstörerischen Entwicklungen für das deutsche Wissenschaftssystem für bedrohlich. Das Grundrecht auf Freiheit von Forschung und Lehre soll dafür Sorge tragen, dass die Wahrheitssuche nicht durch außerwissenschaftliche Motive in Mitleidenschaft gezogen würde, kommentiert er im Cicero. 

Fazit: Professoren dürfen nicht in eine Schweigespirale geraten, sonst laufen wir in Deutschland Gefahr, dass die Debattenkultur in Hochschulen aufhört zu existieren.

 

 

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