Wie können Politiker in öffentlichen Debatten punkten?

Angesehen war völlig zu Unrecht die Kaste der Politiker schon lange nicht mehr. Ihre Worte galten und gelten vielen als hohl und phrasenhaft, ihre Taten als kraftlos und wenig risikofreudig. Tatsächlich wird in Deutschland zu Recht der Mangel an Perspektive und Phantasie zum Beispiel bei der Durchsetzung der Digitalisierung beklagt.

Und doch sind natürlich Verschwörungstheorien, Korruptionsvorwürfe oder Faulheitsunterstellungen meist fehl am Platze. Nein, was viele Politiker lähmt, ist der Dauerdruck durch Social Media, sind die Erwartungen traditioneller Journalisten, immer Schlagzeilenfähiges und Endgültiges zu hören, nicht zuletzt der interne Wettbewerb um Einfluss und Mehrheiten bei Partei, Wählern, Spitzengremien.

Kein Wunder, dass man in den politischen Debatten also lieber das Wohlfeile äußert, einmal bezogene Standpunkte immer weiter verteidigt, jedenfalls nicht mit überraschenden, damit potenziell enttäuschenden Standpunkten aufwartet. Alles andere würde den Außendruck nur noch erhöhen.

Hand aufs Herz. Wann war in den letzten Jahren jemals von einem führenden Politiker zu vernehmen, dass er oder sie eine zuvor bestehende Meinung geändert habe. In den unzähligen Talkshows jedenfalls nicht. Dort bekommt der politische Gegner ja nicht mal einen Blick, geschweige denn ein Kopfnicken geschenkt. Eher wartet der Gast auf ein Stichwort, um sich erwartungsgemäß zu präsentieren. Bloß nicht den Dissenz zu einem früheren Standpunkt, zu den eigenen Anhängern riskieren.

Die hören so zwar nichts Neues, wenden sich ob der Klischees aber dennoch gelangweilt ab. Zumindest gibt es keinen Rechtfertigungsdruck ungewöhnlicher Wendungen wegen. Punkten allerdings kann der Politiker, die Politikerin so schon lange nicht mehr.

Fraktionszwänge, programmatische Festlegungen machen es dem einzelnen natürlich schwer, aus der Reihe zu tanzen und eigene Meinungen zu entwickeln. Schnell wird man zum Abweichler, Eigenbrötler, Quertreiber, Profilierungssüchtigen. Schlimmstenfalls zum vermeintlichen Verräter. Geliebt von der Öffentlichkeit. Aufs Abstellgleis geschoben von den eigenen Funktionären. Man kennt die Beispiele.

Und doch lohnt sich das Ausscheren vom Comment, vom Druck der Sach- oder der sozialen Zwänge. Denn wenn glaubwürdig präsentiert, anerkannt aus Überzeugung heraus geschehend, wird die zunächst singuläre Meinung bestenfalls zum neuen Referenzpunkt, ändern öffentliche Aufmerksamkeit und Zustimmung durch Außendruck den internen Umgang mit den Abtrünnigen. Sie können plötzlich ganz oben stehen.

Die Rebellen an der Spitze verschiedener Jugendorganisationen deutscher Parteien haben es in den letzten Jahren bewiesen. Zumindest permanente Medienpräsenz war der Lohn, hier und da sogar ein einfangendes hohes Parteiamt. Das Zähneknirschen überholter Kandidaten konnte man in Kauf nehmen. Mit dem Risiko des Absturzes musste man natürlich ebenso rechnen.

In der öffentlichen Debatte punkten aber tut nur der Held, die Heldin. Das sind die, die sich trauen, aus Einsicht den vorhersagbaren Pfad der immer gleichen eigenen Meinung zu verlassen, dem Druck des Meinungskonformismus zu widerstehen und das Neue zu wagen.

Ein paar Prinzipien helfen dabei:

  • Weg vom Argumentationsritus und von den Sprachklischees.
  • Weg von der Kakophonie der Monologe.
  • Weg von Angst und Risikofurcht.
  • Weg von Meinungsopportunismus.
  • Weg vom Narzissmus.
  • Hin zu Überzeugungen und Perspektiven.
  • Hin zum Zuhören auch beim politischen Gegner.
  • Hin zur Neugier gegenüber dem Ungewohnten.
  • Hin zu offenem Verhalten auch im nonverbalen Ausdruck.
  • Hin zu Überraschungen.
Dies in der Sache, in den Fakten, aber auch in der Emotion zu beherzigen, bringt schon mittelfristig den ersehnten Punktgewinn. Denn an die Stelle dumpfer Rechthaberei tritt ein echtE (!) Debatte.

<a href="https://blog.debatoo.com/author/jo-groebel/" target="_self">Prof. Dr. Jo Groebel</a>

Prof. Dr. Jo Groebel

Der Medienpsychologe gilt als einer der Begründer der modernen Medienpsychologie und veröffentlichte zahlreiche Fachbücher. Forschungsstudien über Medien und Gewalt führten ihn nach Yale, Cambridge und Harvard. Der Direktor des Deutschen Digital Instituts gehört verschiedenen Regierungskommissionen an, berät Politiker und die UNO.