Das Thema Politische Korrektheit erfährt gerade neuen Aufschwung. Das führt zu einer Debatte über Sprache, Kultur und Freiheit.

Sprache
Der Begriff Political Correctness (PC) ist in den USA entstanden und seit den 1990er Jahren auch in Deutschland etabliert. PC zielt darauf ab, Diskriminierung durch Sprache zu vermeiden, indem mit Sprachreglementierungen Ausdrücke verbannt oder durch eine feinfühligere Terminologie ersetzt werden. Vertreter der Anti-PC halten Politische Korrektheit für Zensur und Sprechverbot, gegen welche vorgegangen werden müsse. Auch Stimmen aus dem mittleren und linken Milieu sind sich einig, dass Sprachverbote zumindest lähmen können, anstatt eine lösungsorientierte Debatte anzustoßen.

Anatol Stefanowitsch‘ aktuelles Buch Eine Frage der Moral – Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen bringt Sachlichkeit in die Debatte. „Wenn Flüchtlinge pauschal als Asylinvasoren und Rapefugees verunglimpft […] werden, […] dann besteht Einigkeit, dass hier nicht nur abwertende Ideen geäußert werden, sondern dass dies auch in einer abwertenden Sprache geschieht“ so der Autor. Oder wenn Mitglieder demokratischer Parteien andere Politiker/-Innen als Wucherungen am deutschen Volkskörper bezeichnen, dann wird deutlich, dass „wir es hier mit einer bewussten Verrohung politischer Debatten, vielleicht sogar mit einer allgemeinen Sprachverrohung zu tun haben.“ Womöglich ist letzteres ein deutlicheres Warnzeichen für die Verrohung der Sprache, als wenn Populisten in gewohnter Manier wettern. Weil es deutlich macht, dass Politische Unkorrektheit in der Mitte der Gesellschaft angelangt ist.

Kultur
Immer wieder wird der Vorwurf laut, Traditionen würden durch neue Benennungen verfallen. Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Wenn Ostern zum Hasenfest wird, dann ist das faktisch falsch. An Ostern wird nicht der Hase, sondern die Auferstehung von Jesus Christus zelebriert. Genauso wenig ist Ramadan eine Detox-Phase. Wenn es um traditionelle oder religiöse Feste geht, sollte womöglich bedacht werden, dass sich Menschen mit einem anderen Glauben oder kulturellem Hintergrund peinlich berührt fühlen, wenn zum Beispiel der Sankt-Martin-Umzug in Sonne-Mond-und-Sterne-Fest umbenannt wird. Man kann verschiedene Traditionen mit verschiedenen Kulturen feiern und teilen. Man muss sie nicht abwandeln.

Goldene Regel
Nach Stefanowitsch ist das Wesentliche politisch korrekter Sprache Moral. Sprache ist eine Form des Handelns und somit geht es Befürwortern von PC darum, auch hier moralisch zu sein.

Woran kann sich das politisch korrekte Handeln orientieren? Stefanowitsch schlägt die goldene Regel der Moralphilosophie in angepasster Form vor. Auf politische Korrektheit bezogen, formuliert er zwei Sprachregeln:

1. Stelle andere sprachlich nicht so dar, wie du nicht wollen würdest, dass man dich an ihrer Stelle so darstellt.

2. Stelle andere sprachlich stets so dar, wie du an ihrer Stelle dargestellt werden wollen würdest.

Dabei soll man sein Gegenüber also in der von ihm bevorzugten Weise ansprechen – im Zweifel hilft nachfragen. Letztlich, so Stefanowitsch, gehe es bei der goldenen Regel darum, „allgemeine Urteile über Handlungen zu treffen“. Im Grunde ist es einfach: „Wir selbst wollen nicht von der Teilhabe an gesellschaftlichen Vorgängen ausgeschlossen sein und dürfen deshalb auch andere nicht davon ausschließen.“

Freiheit
Doch es gibt Stimmen, die sich gegen diese moralische Herangehensweise wenden bzw. kritisieren, dass eine sprachliche Anpassung einer Einschränkung der Meinungsfreiheit gleichkomme. Ein Verlust dieser droht jedoch nicht, da es nicht darum geht, ob es gesagt werden darf, sondern wie etwas gesagt wird. Focus-Redakteur Thomas Wolf meint: „Wenn abweichende Meinungen nicht mehr geäußert werden, weil ihre Vertreter sofort als unmoralisch gegeißelt werden, versiegt bald jede Diskussion.“ Dadurch bekämen neue Denkansätze keine Chance. Der Philosoph Peter Sloterdijk behauptet, dass sich die Gesellschaft, unter dem Vorwand der Rede- und Meinungsfreiheit, in ein „System der sprachlichen und gedanklichen Feigheit“ begeben hat, welches sämtliche soziale Bereiche lahmlege. Darauf würde Stefanowitsch vermutlich erwidern, dass man als weißer privilegierter Heteromann zu der seltenen Gruppe gehört, die sich niemals fragen muss, ob sie gerade „mitgemeint“ ist. Wer nie die Erfahrung gemacht hat, „mitgemeint“ zu sein, nie darüber nachdenken musste, der könne sich nach Stefanowitsch wegen dieser fehlenden Erfahrung nicht in andere versetzen. Doch letztlich sei gesagt, dass jedes Individuum durchaus dazu fähig ist, politisch korrekt zu sprechen. Dazu ist nicht unbedingt Erfahrung notwendig. Sondern Feingefühl und Nachfragen.

<a href="https://blog.debatoo.com/author/debatoo_elisa/" target="_self">Elisa Reinlein-Mertens</a>

Elisa Reinlein-Mertens

Elisa Reinlein-Mertens hat ihren Bachelor-Abschluss in Philosophie, Politik & Ökonomik an der Universität Witten/Herdecke absolviert. Aktuell studiert sie Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste Berlin. Sie ist Social Media Manager bei Debatoo.